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II Die Methode der Traumdeutung
Die Analyse eines Traummusters
Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, läßt erkennen, an welche Tradition in
der Auffassung der Träume ich anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt zu zeigen, daß
Träume einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der eben behandelten
Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger Nebengewinn bei der Erledigung meiner
eigentlichen Aufgabe ergeben können. Mit der Voraussetzung, daß Träume deutbar sind, trete ich
sofort in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu allen Traumtheorien mit Ausnahme
der Schernerschen, denn »einen Traum deuten« heißt, seinen »Sinn« angeben, ihn durch etwas
ersetzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in die Verkettung unserer seelischen
Aktionen einfügt. Wie wir erfahren haben, lassen aber die wissenschaftlichen Theorien des
Traumes für ein Problem der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum ist für sie überhaupt
kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang, der sich durch Zeichen am seelischen
Apparat kundgibt. Anders hat sich zu allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient sich
ihres guten Rechts, inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie zugesteht, der Traum sei
unverständlich und absurd, kann sie sich doch nicht entschließen, dem Traume jede Bedeutung
abzusprechen. Von einer dunkeln Ahnung geleitet, scheint sie doch anzunehmen, der Traum habe
einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum Ersatze eines anderen Denkvorganges
bestimmt und es handle sich nur darum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur
verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen.
Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum zu »deuten«, und dabei zwei im
Wesen verschiedene Methoden versucht. Das erste dieser Verfahren faßt den Trauminhalt als
Ganzes ins Auge und sucht denselben durch einen anderen, verständlichen und in gewissen
Hinsichten analogen Inhalt zu ersetzen. Dies ist die symbolische Traumdeutung; sie scheitert
natürlich von vornherein an jenen Träumen, welche nicht bloß unverständlich, sondern auch
verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Verfahren gibt etwa die Auslegung, welche der
biblische Josef dem Traume des Pharao angedeihen ließ. Sieben fette Kühe, nach denen sieben
magere kommen, welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz für die
Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche allen Überfluß aufzehren,
den sieben fruchtbare Jahre geschaffen haben. Die meisten der artifiziellen Träume, welche von
Dichtern geschaffen wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt, denn sie geben den
vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Verkleidung wieder, die zu den aus der Erfahrung
bekannten Charakteren unseres Träumens passend gefunden wird[26]. Die Meinung, der Traum
beschäftige sich vorwiegend mit der Zukunft, deren Gestaltung er im voraus ahne – ein Rest der
einst den Träumen zuerkannten prophetischen Bedeutung – wird dann zum Motiv, den durch
symbolische Deutung gefundenen Sinn des Traumes durch ein »es wird« ins Futurum zu
versetzen.
Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung findet, dazu läßt sich eine
Unterweisung natürlich nicht geben. Das Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalls, der
unvermittelten Intuition, und darum konnte die Traumdeutung mittels Symbolik sich zu einer
Kunstübung erheben, die an eine besondere Begabung gebunden schien[27]. Von solchem
Anspruch hält sich die andere der populären Methoden der Traumdeutung völlig ferne. Man
könnte sie als die »Chiffriermethode« bezeichnen, da sie den Traum wie eine Art von
Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem feststehenden Schlüssel in ein anderes
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin