Seite - 442 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Zeichen von bekannter Bedeutung übersetzt wird. Ich habe z.
B. von einem Brief geträumt, aber
auch von einem Leichenbegängnis u. dgl.; ich sehe nun in einem »Traumbuch« nach und finde,
daß »Brief« mit »Verdruß«, »Leichenbegängnis« mit »Verlobung« zu übersetzen ist. Es bleibt
mir dann überlassen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe, einen Zusammenhang
herzustellen, den ich wiederum als zukünftig hinnehme. Eine interessante Abänderung dieses
Chiffrierverfahrens, durch welche dessen Charakter als rein mechanische Übertragung
einigermaßen korrigiert wird, zeigt sich in der Schrift über Traumdeutung des Artemidoros aus
Daldis[28]. Hier wird nicht nur auf den Trauminhalt, sondern auch auf die Person und die
Lebensumstände des Träumers Rücksicht genommen, so daß das nämliche Traumelement für den
Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Bedeutung hat als für den Armen, den Ledigen
und etwa den Kaufmann. Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, daß die Deutungsarbeit
nicht auf das Ganze des Traumes gerichtet wird, sondern auf jedes Stück des Trauminhalts für
sich, als ob der Traum ein Konglomerat wäre, in dem jeder Brocken Gestein eine besondere
Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und verworrenen Träume,
von denen der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermethode ausgegangen ist[29].
Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die Unbrauchbarkeit beider populärer
Deutungsverfahren des Traumes keinen Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode
ist in ihrer Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fähig. Bei der
Chiffriermethode käme alles darauf an, daß der »Schlüssel«, das Traumbuch, verläßlich wäre,
und dafür fehlen alle Garantien. Man wäre versucht, den Philosophen und Psychiatern recht zu
geben und mit ihnen das Problem der Traumdeutung als eine imaginäre Aufgabe zu streichen[30].
Allein ich bin eines Bessern belehrt worden. Ich habe einsehen müssen, daß hier wiederum einer
jener nicht seltenen Fälle vorliegt, in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der
Wahrheit der Dinge näher gekommen zu sein scheint als das Urteil der heute geltenden
Wissenschaft. Ich muß behaupten, daß der Traum wirklich eine Bedeutung hat und daß ein
wissenschaftliches Verfahren der Traumdeutung möglich ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin
ich auf folgende Weise gelangt:
Seit Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung gewisser psychopathologischer Gebilde, der
hysterischen Phobien, der Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich
nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer weiß, daß für diese als
Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auflösung und Lösung in eines zusammenfällt[31].
Hat man eine solche pathologische Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus denen
sie im Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist diese auch zerfallen, der Kranke von
ihr befreit. Bei der Ohnmacht unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen und angesichts der
Rätselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf dem von Breuer
eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten bis zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie
sich die Technik des Verfahrens schließlich gestaltet hat und welches die Ergebnisse der
Bemühung gewesen sind, darüber werde ich ein anderes Mal ausführlich Bericht zu erstatten
haben. Im Verlaufe dieser psychoanalytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die
Patienten, die ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen, die sich ihnen zu
einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein
Traum in die psychische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer pathologischen Idee
her nach rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein
Symptom zu behandeln und die für letztere ausgearbeitete Methode der Deutung auf ihn
anzuwenden.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin