Seite - 445 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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der Traumauflösung eine Vorarbeit für die Erschließung der schwierigeren Probleme der
Neurosenpsychologie zu schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, mein
Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch verfahren. Es bleiben nur noch
jene Träume, die mir gelegentlich von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden
sind oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben verzeichnet finde. Leider
geht mir bei all diesen Träumen die Analyse ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht
finden kann. Mein Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären Chiffriermethode,
welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr
gefaßt darauf, daß derselbe Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem
Zusammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin ich auf meine eigenen
Träume angewiesen als auf ein reichliches und bequemes Material, das von einer ungefähr
normalen Person herrührt und sich auf mannigfache Anlässe des täglichen Lebens bezieht. Man
wird mir sicherlich Zweifel in die Verläßlichkeit solcher »Selbstanalysen« entgegensetzen. Die
Willkür sei dabei keineswegs ausgeschlossen. Nach meinem Urteil liegen die Verhältnisse bei der
Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der Beobachtung anderer; jedenfalls darf man
versuchen, wie weit man in der Traumdeutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere
Schwierigkeiten habe ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreifliche
Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, weiß sich dabei auch nicht gesichert
vor der Mißdeutung der Fremden. Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. »Tout
psychologiste, schreibt Delboeuf, est obligé de faire l’aveu même de ses faiblesses s’il croît par
là jeter du jour sur quelque problème obscur.« Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird
das anfängliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß, sehr bald der
ausschließlichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten psychologischen Probleme Platz
machen[33].
Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen und an ihm meine Deutungsweise
erläutern. Jeder solche Traum macht einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten,
für eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen zu machen und sich mit mir in die
kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu versenken, denn solche Übertragung fordert gebieterisch
das Interesse für die versteckte Bedeutung der Träume.
Vorbericht
Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame psychoanalytisch behandelt, die mir und den
Meinigen freundschaftlich sehr nahestand. Man versteht es, daß solche Vermengung der
Beziehungen zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden kann, zumal für den
Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse des Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein
Mißerfolg droht die alte Freundschaft mit den Angehörigen des Kranken zu lockern. Die Kur
endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin verlor ihre hysterische Angst, aber nicht alle
ihre somatischen Symptome. Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die
endgültige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeichnen, und mutete der
Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir
der Sommerzeit wegen die Behandlung ab. – Eines Tages besuchte mich ein jüngerer Kollege,
einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin – Irma – und ihre Familie in ihrem
Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort:
Es geht ihr besser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich die Worte meines Freundes Otto oder
der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa
daß ich der Patientin zu viel versprochen hätte, und führte – ob mit Recht oder Unrecht – die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin