Seite - 447 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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hallenförmigen Räume. Der Traum ist auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige Tage
vor dem Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine Frau die Erwartung ausgesprochen, zu
ihrem Geburtstag würden mehrere Freunde, und darunter auch Irma, als Gäste zu uns kommen.
Mein Traum antizipiert also diese Situation: Es ist der Geburtstag meiner Frau, und viele Leute,
darunter Irma, werden von uns als Gäste in der großen Halle der Bellevue empfangen.
Ich mache Irma Vorwürfe, daß sie die Lösung nicht akzeptiert hat; ich sage: Wenn du noch
Schmerzen hast, ist es deine eigene Schuld. Das hätte ich ihr auch im Wachen sagen können, oder
habe es ihr gesagt. Ich hatte damals die (später als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine
Aufgabe sich darin erschöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome mitzuteilen;
ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht
mehr verantwortlich. Ich bin diesem jetzt glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er
mir die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner unvermeidlichen Ignoranz
Heilerfolge produzieren sollte. – Ich merke aber an dem Satz, den ich im Traume zu Irma
spreche, daß ich vor allem nicht schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat. Wenn es
Irmas eigene Schuld ist, dann kann es nicht meine sein. Sollte in dieser Richtung die Absicht des
Traums zu suchen sein?
Irmas Klagen; Schmerzen im Hals, Leib und Magen, es schnürt sie zusammen. Schmerzen im
Magen gehörten zum Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr vordringlich;
sie klagte eher über Empfindungen von Übelkeit und Ekel. Schmerzen im Hals, im Leib,
Schnüren in der Kehle spielten bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich mich zu
dieser Auswahl der Symptome im Traum entschlossen habe, kann es auch für den Moment nicht
finden.
Sie sieht bleich und gedunsen aus. Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sich hier
eine andere Person ihr unterschiebt.
Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine organische Affektion übersehen habe. Wie man
mir gerne glauben wird, eine nie erlöschende Angst beim Spezialisten, der fast ausschließlich
Neurotiker sieht und der so viele Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche
andere Ärzte als organisch behandeln. Anderseits beschleicht mich – ich weiß nicht woher – ein
leiser Zweifel, ob mein Erschrecken ganz ehrlich ist. Wenn die Schmerzen Irmas organisch
begründet sind, so bin ich wiederum zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine Kur beseitigt ja
nur hysterische Schmerzen. Es kommt mir also eigentlich vor, als sollte ich einen Irrtum in der
Diagnose wünschen; dann wäre der Vorwurf des Mißerfolgs auch beseitigt.
Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu sehen. Sie sträubt sich ein wenig wie die
Frauen, die falsche Zähne tragen. Ich denke mir, sie hat es ja doch nicht nötig. Bei Irma hatte ich
niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren. Der Vorgang im Traum erinnert mich an die vor
einiger Zeit vorgenommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Eindruck von
jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Öffnen des Mundes aber gewisse Anstalten traf, um
ihr Gebiß zu verbergen. An diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an ärztliche
Untersuchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von beiden zur Lust, enthüllt
werden. – Sie hat es doch nicht nötig, ist wohl zunächst ein Kompliment für Irma; ich vermute
aber noch eine andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer Analyse, ob man die zu
erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder nicht. Die Art, wie Irma beim Fenster steht,
erinnert mich plötzlich an ein anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, die ich sehr
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin