Seite - 449 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt. Davon ist so viel richtig, daß sein schlechtes
Aussehen häufig die Sorge seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere müssen einer
anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Auslande lebender älterer Bruder ein, der das
Kinn rasiert trägt und dem, wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen ähnlich
sah. Über ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, daß er wegen einer arthritischen Erkrankung
in der Hüfte hinke. Es muß einen Grund haben, daß ich die beiden Personen im Traume zu einer
einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, daß ich gegen beide aus ähnlichen Gründen
mißgestimmt war. Beide hatten einen gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit
gemacht hatte, zurückgewiesen.
Freund Otto steht jetzt bei der Kranken, und Freund Leopold untersucht sie und weist eine
Dämpfung links unten nach. Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. Das
Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben, zu Konkurrenten gemacht, die man
beständig miteinander vergleicht. Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine
öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen, wie die im Traum reproduzierte,
haben sich dort oftmals zugetragen. Während ich mit Otto über die Diagnose eines Falles
debattierte, hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und einen unerwarteten Beitrag zur
Entscheidung beigebracht. Es bestand eben zwischen ihnen eine ähnliche
Charakterverschiedenheit wie zwischen dem Inspektor Bräsig und seinem Freunde Karl. Der eine
tat sich durch »Fixigkeit« hervor, der andere war langsam, bedächtig, aber gründlich. Wenn ich
im Traume Otto und den vorsichtigen Leopold einander gegenüberstelle, so geschieht es
offenbar, um Leopold herauszustreichen. Es ist ein ähnliches Vergleichen wie oben zwischen der
unfolgsamen Patientin Irma und ihrer für klüger gehaltenen Freundin. Ich merke jetzt auch eines
der Gleise, auf denen sich die Gedankenverbindung im Traume fortschiebt: vom kranken Kind
zum Kinderkrankeninstitut. – Die Dämpfung links unten macht mir den Eindruck, als entspräche
sie allen Details eines einzelnen Falls, in dem mich Leopold durch seine Gründlichkeit frappiert
hat. Es schwebt mir außerdem etwas vor wie eine metastatische Affektion, aber es könnte auch
eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich an Stelle von Irma haben möchte. Diese Dame
imitiert nämlich, soweit ich es übersehen kann, eine Tuberkulose.
Eine infiltrierte Hautpartie an der linken Schulter. Ich weiß sofort, das ist mein eigener
Schulterrheumatismus, den ich regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach
geblieben bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was ich … wie er spüre. Am
eigenen Körper spüre, ist gemeint. Übrigens fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung
»infiltrierte Hautpartie« klingt. An die »Infiltration links hinten oben« sind wir gewöhnt; die
bezöge sich auf die Lunge und somit wieder auf Tuberkulose.
Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eine Einschaltung. Die Kinder im Krankeninstitut
untersuchten wir natürlich entkleidet; es ist irgendein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene
weibliche Patienten untersuchen muß. Von einem hervorragenden Kliniker pflegte man zu
erzählen, daß er seine Patienten stets nur durch die Kleider physikalisch untersucht habe. Das
Weitere ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen.
Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen
und das Gift sich ausscheiden. Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles
andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doch eine Art von Sinn. Was ich an
der Patientin gefunden habe, war eine lokale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner
Tochter erinnere ich mich an die Diskussion über Diphtheritis und Diphtherie. Letztere ist die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin