Seite - 450 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Allgemeininfektion, die von der lokalen Diphtheritis ausgeht. Eine solche Allgemeininfektion
weist Leopold durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische Herde denken läßt. Ich
glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie derartige Metastasen nicht vorkommen. Sie erinnern
mich eher an Pyämie.
Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich folgendermaßen ein: Das letzte Stück des
Traumes hat den Inhalt gebracht, daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren
organischen Affektion herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit nur die Schuld von mir
abwälzen will. Für den Fortbestand diphtheritischer Leiden kann die psychische Kur nicht
verantwortlich gemacht werden. Nun geniert es mich doch, daß ich Irma ein so schweres Leiden
andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. Es sieht so grausam aus. Ich brauche also eine
Versicherung des guten Ausgangs, und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trost
gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe mich aber hier über den Traum, was
der Aufklärung bedarf. Warum ist dieser Trost aber so unsinnig?
Dysenterie: Irgendeine fernliegende theoretische Vorstellung, daß Krankheitsstoffe durch den
Darm entfernt werden können. Will ich mich damit über den Reichtum des Dr. M. an weit
hergeholten Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüpfungen lustig machen? Zu
Dysenterie fällt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen Monaten hatte ich einen jungen Mann
mit merkwürdigen Stuhlbeschwerden übernommen, den andere Kollegen als einen Fall von
»Anämie mit Unterernährung« behandelt hatten. Ich erkannte, daß es sich um eine Hysterie
handle, wollte meine Psychotherapie nicht an ihm versuchen und schickte ihn auf eine Seereise.
Nun bekam ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus Ägypten, daß er dort
einen neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für Dysenterie erklärt habe. Ich vermute zwar,
die Diagnose ist nur ein Irrtum des unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen läßt;
aber ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich den Kranken in die Lage versetzt,
sich zu einer hysterischen Darmaffektion etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt
ferner an Diphtherie an, welcher Name ††† im Traum nicht genannt wird.
Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose: Es wird noch Dysenterie
hinzukommen usw. über Dr. M. lustig mache, denn ich entsinne mich, daß er einmal vor Jahren
etwas ganz Ähnliches von einem Kollegen lachend erzählt hat. Er war zur Konsultation mit
diesem Kollegen bei einem Schwerkranken berufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem
anderen, der sehr hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Patienten Eiweiß im Harn
finde. Der Kollege ließ sich aber nicht irremachen, sondern antwortete beruhigt: Das macht
nichts, Herr Kollege, der Eiweiß wird sich schon ausscheiden! – Es ist mir also nicht mehr
zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf die der Hysterie unwissenden
Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung fährt mir jetzt durch den Sinn: Weiß denn Dr. M.,
daß die Erscheinungen bei seiner Patientin, der Freundin Irmas, welche eine Tuberkulose
befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er diese Hysterie erkannt, oder ist er ihr
»aufgesessen«?
Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht zu behandeln? Das ist sehr
einfach: Dr. M. ist mit meiner »Lösung« bei Irma so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich
habe also in diesem Traum bereits an zwei Personen Rache genommen, an Irma mit den Worten:
Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaut der
ihm in den Mund gelegten unsinnigen Tröstung.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin