Seite - 451 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt. Dies unmittelbare Wissen im Traume ist
merkwürdig. Eben vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold
nachgewiesen wurde.
Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, eine Injektion gegeben. Otto hatte wirklich
erzählt, daß er in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benachbarte Hotel
geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötzlich unwohl fühlte, eine Injektion zu machen. Die
Injektionen erinnern mich wieder an den unglücklichen Freund, der sich mit Kokain vergiftet hat.
Ich hatte ihm das Mittel nur zur internen Anwendung während der Morphiumentziehung geraten;
er machte sich aber unverzüglich Kokaininjektionen.
Mit einem Propylpräparat … Propylen … Propionsäure. Wie komme ich nur dazu? Am selben
Abend, nach welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf geträumt hatte,
öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher »Ananas«[37] zu lesen stand und die ein
Geschenk unseres Freundes Otto war. Er hatte nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen
Anlässen zu schenken; hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon kuriert. Diesem Likör
entströmte ein solcher Fuselgeruch, daß ich mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte:
Diese Flasche schenken wir den Dienstleuten, und ich, noch vorsichtiger, untersagte es mit der
menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich auch nicht vergiften. Der Fuselgeruch
(Amyl…) hat nun offenbar bei mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Propyl, Methyl usw.
geweckt, die für den Traum die Propylenpräparate lieferte. Ich habe dabei allerdings eine
Substitution vorgenommen, Propyl geträumt, nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige
Substitutionen sind vielleicht gerade in der organischen Chemie gestattet.
Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume die chemische Formel, was jedenfalls
eine große Anstrengung meines Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als
wollte man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig herausheben. Worauf führt mich
nun Trimethylamin, auf das ich in solcher Weise aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch
mit einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine keimenden Arbeiten weiß, wie ich um
die seinigen. Er hatte mir damals gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgeteilt und unter
anderem erwähnt, eines der Produkte des Sexualstoffwechsels glaube er im Trimethylamin zu
erkennen. Dieser Körper führt mich also auf die Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die
Entstehung der nervösen Affektionen, welche ich heilen will, die größte Bedeutung beilege.
Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn es mir darum zu tun ist, den Mißerfolg
der Kur bei ihr zu entschuldigen, werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen, an
welcher ihre Freunde gern ändern möchten. Wie merkwürdig übrigens ein solcher Traum gefügt
ist! Die andere, welche ich an Irmas Statt im Traume zur Patientin habe, ist auch eine junge
Witwe.
Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich so breitgemacht hat. Es kommt
soviel Wichtiges in diesem einen Wort zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung
auf das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine Person, an deren
Zustimmung ich mich mit Befriedigung erinnere, wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen
fühle. Sollte dieser Freund, der in meinem Leben eine so große Rolle spielt, in dem
Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht vorkommen? Doch; er ist ein besonderer
Kenner der Wirkungen, welche von Affektionen der Nase und ihrer Nebenhöhlen ausgehen, und
hat der Wissenschaft einige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln zu den
weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im Hals bei Irma.) Ich habe Irma
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin