Seite - 452 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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von ihm untersuchen lassen, ob ihre Magenschmerzen etwa nasalen Ursprungs sind. Er leidet
aber selbst an Naseneiterungen, die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl die Pyämie an, die
mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt.
Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig. Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit
unmittelbar gegen Freund Otto geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir am
Nachmittage gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme gegen mich zu bezeugen
schien. Es war etwa: Wie leicht er sich beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteil fertig
wird. – Außerdem deutet mir der obenstehende Satz wiederum auf den verstorbenen Freund, der
sich so rasch zu Kokaininjektionen entschloß. Ich hatte Injektionen mit dem Mittel, wie gesagt,
gar nicht beabsichtigt. Bei dem Vorwurf, den ich gegen Otto erhebe, leichtfertig mit jenen
chemischen Stoffen umzugehen, merke ich, daß ich wieder die Geschichte jener unglücklichen
Mathilde berühre, aus der derselbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier offenbar
Beispiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fürs Gegenteil.
Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. Noch ein Vorwurf gegen Otto, der aber
anderswoher stammt. Gestern traf ich zufällig den Sohn einer zweiundachtzigjährigen Dame, der
ich täglich zwei Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig auf dem Lande, und ich
hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich
um ein Infiltrat durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, daß ich ihr in zwei Jahren
nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; es ist freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze
auch rein ist. Ich bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich wieder auf meine
Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen gelitten, und nun tauchen in meiner
Erinnerung drei ähnliche Situationen, mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde
auf, deren Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei Personen im Traum füreinander
einzusetzen.
Ich habe nun die Traumdeutung vollendet[38]. Während dieser Arbeit hatte ich Mühe, mich all der
Einfälle zu erwehren, zu denen der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter
versteckten Traumgedanken die Anregung geben mußte. Auch ist mir unterdes der »Sinn« des
Traumes aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt, welche durch den Traum verwirklicht
wird und die das Motiv des Träumens gewesen sein muß. Der Traum erfüllt einige Wünsche,
welche durch die Ereignisse des letzten Abends (die Nachricht Ottos, die Niederschrift der
Krankengeschichte) in mir rege gemacht worden sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich,
daß ich nicht schuld bin an dem noch vorhandenen Leiden Irmas und daß Otto daran schuld ist.
Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas unvollkommene Heilung geärgert, der
Traum rächt mich an ihm, indem er den Vorwurf auf ihn selbst zurückwendet. Von der
Verantwortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem er dasselbe auf andere
Momente (gleich eine ganze Reihe von Begründungen) zurückführt. Der Traum stellt einen
gewissen Sachverhalt so dar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist also eine
Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch.
Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des Traumes wird mir manches unter
dem Gesichtspunkte der Wunscherfüllung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für
seine voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärztliche Handlung
zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch Rache an ihm für den schlechten Likör, der
nach Fusel duftet, und ich finde im Traum einen Ausdruck, der beide Vorwürfe vereint: die
Injektion mit einem Propylenpräparat. Ich bin noch nicht befriedigt, sondern setze meine Rache
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin