Seite - 453 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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fort, indem ich ihm seinen verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle. Ich scheine damit zu
sagen: Der ist mir lieber als du. Otto ist aber nicht der einzige, der die Schwere meines Zorns zu
fühlen hat. Ich räche mich auch an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren,
gefügigeren vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Widerspruch nicht ruhig hingehen,
sondern drücke ihm in einer deutlichen Anspielung meine Meinung aus, daß er der Sache als ein
Unwissender gegenübersteht (»Es wird Dysenterie hinzukommen etc.«). Ja, mir scheint, ich
appelliere von ihm weg an einen anderen, Besserwissenden (meinen Freund, der mir vom
Trimethylamin erzählt hat), wie ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an Leopold mich
gewendet habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie mir durch drei andere meiner Wahl,
dann bin ich der Vorwürfe ledig, die ich nicht verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser
Vorwürfe selbst wird mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. Irmas Schmerzen fallen
nicht mir zur Last, denn sie ist selbst schuld an ihnen, indem sie meine Lösung anzunehmen
verweigert. Irmas Schmerzen gehen mich nichts an, denn sie sind organischer Natur, durch eine
psychische Kur gar nicht heilbar. Irmas Leiden erklären sich befriedigend durch ihre
Witwenschaft (Trimethylamin!), woran ich ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch eine
unvorsichtige Injektion von Seiten Ottos hervorgerufen worden mit einem dazu nicht geeigneten
Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irmas Leiden rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze
her wie die Venenentzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen Injektionen niemals
etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Erklärungen für Irmas Leiden, die darin zusammentreffen,
mich zu entlasten, stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie schließen einander aus. Das
ganze Plaidoyer – nichts anderes ist dieser Traum – erinnert lebhaft an die Verteidigung des
Mannes, der von seinem Nachbarn angeklagt war, ihm einen Kessel in schadhaftem Zustande
zurückgegeben zu haben. Erstens habe er ihn unversehrt zurückgebracht, zweitens war der Kessel
schon durchlöchert, als er ihn entlehnte, drittens hat er nie einen Kessel vom Nachbarn entlehnt.
Aber um so besser; wenn nur eine dieser drei Verteidigungsarten als stichhältig erkannt wird,
muß der Mann freigesprochen werden.
Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren Beziehung zu meiner Entlastung von
Irmas Krankheit nicht so durchsichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer
gleichnamigen Patientin, die Kokainschädlichkeit, die Affektion meines in Ägypten reisenden
Patienten, die Sorge um die Gesundheit meiner Frau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen
Körperbeschwerden, die Sorge um den abwesenden Freund, der an Naseneiterungen leidet. Doch
wenn ich all das ins Auge fasse, fügt es sich zu einem einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa
mit der Etikette: Sorge um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit. Ich
erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir Otto die Nachricht von Irmas
Befinden brachte. Aus dem im Traume mitspielenden Gedankenkreis möchte ich nachträglich
den Ausdruck für diese flüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er mir gesagt hätte: Du
nimmst deine ärztlichen Pflichten nicht ernsthaft genug, bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was
du versprichst. Daraufhin hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung gestellt, damit ich
den Nachweis erbringen könne, in wie hohem Grade ich gewissenhaft bin, wie sehr mir die
Gesundheit meiner Angehörigen, Freunde und Patienten am Herzen liegt. Bemerkenswerterweise
sind unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Erinnerungen, die eher für die meinem
Freund Otto zugeschriebene Beschuldigung als für meine Entschuldigung sprechen. Das Material
ist gleichsam unparteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes, auf dem der Traum
ruht, mit dem engeren Thema des Traums, aus dem der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas
Krankheit unschuldig zu sein, ist doch unverkennbar.
Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes vollständig aufgedeckt habe, daß seine
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin