Seite - 458 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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freuten sich sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir ins Echerntal, das mit seinen
wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur eines, der fünfjährige Knabe, wurde
allmählich mißgestimmt. Sooft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein?
worauf ich antworten mußte: Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich diese Frage einige Male
wiederholt hatte, verstummte er ganz; den Stufenweg zum Wasserfall wollte er überhaupt nicht
mitmachen. Ich hielt ihn für ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber ganz selig auf mich zu
und erzählte: Heute nacht habe ich geträumt, daß wir auf der Simony-Hütte gewesen sind. Ich
verstand ihn nun; er hatte erwartet, als ich vom Dachstein sprach, daß er auf dem Ausfluge nach
Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Gesicht bekommen werde, von der beim Fernrohr
so viel die Rede war. Als er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vorbergen und einem
Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht und wurde verstimmt. Der Traum
entschädigte ihn dafür. Ich versuchte Details des Traumes zu erfahren; sie waren ärmlich. »Man
geht sechs Stunden lang auf Stufen hinauf«, wie er es gehört hatte.
Auch bei dem achteinhalbjährigen Mädchen waren auf diesem Ausflug Wünsche rege geworden,
die der Traum befriedigen mußte. Wir hatten den zwölfjährigen Knaben unserer Nachbarn nach
Hallstatt mitgenommen, einen vollendeten Ritter, der, wie mir schien, sich bereits aller
Sympathien des kleinen Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte nun am nächsten Morgen
folgenden Traum: Denk’ dir, ich hab’ geträumt, daß der Emil einer von uns ist, Papa und Mama
zu euch sagt und im großen Zimmer mit uns schläft wie unsere Buben. Dann kommt die Mama
ins Zimmer und wirft eine Handvoll großer Schokoladestangen in blauem und grünem Papier
unter unsere Betten. Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Übertragung auf
Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: Dieser Traum ist ein Unsinn. Das
Mädchen trat wenigstens für einen Teil des Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der
Neurosen zu erfahren, für welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das ist ein Unsinn, aber das
mit den Schokoladestangen nicht. Mir war gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir
hiefür die Erklärung. Auf dem Wege vom Bahnhof nach Hause hatten die Kinder vor dem
Automaten haltgemacht und sich gerade solche Schokoladestangen in metallisch glänzendem
Papier gewünscht, die der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama hatte mit
Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherfüllungen gebracht, und diesen Wunsch für den
Traum übriggelassen. Mir war die kleine Szene entgangen. Den von meiner Tochter
proskribierten Teil des Traumes verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst gehört, wie der artige
Gast auf dem Wege die Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa oder die Mama
nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte der Traum der Kleinen eine
dauernde Adoption. Andere Formen des Beisammenseins als die im Traum erwähnten, die von
den Brüdern hergenommen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht. Warum die
Schokoladestangen unter die Betten geworfen wurden, ließ sich ohne Ausfragen des Kindes
natürlich nicht aufklären.
Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich von befreundeter Seite erfahren.
Er betraf ein achtjähriges Mädchen. Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang
nach Dornbach in der Absicht unternommen, die Rohrer-Hütte zu besuchen, kehrte aber um, weil
es zu spät geworden war, und versprach den Kindern, sie ein anderes Mal zu entschädigen. Auf
dem Rückweg kamen sie an der Tafel vorbei, welche den Weg zum Hameau anzeigt. Die Kinder
verlangten nun, auch aufs Hameau geführt zu werden, mußten sich aber aus demselben Grund
wiederum auf einen anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das achtjährige
Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut’ hab ich geträumt, du warst mit uns bei der
Rohrer-Hütte und auf dem Hameau. Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin