Seite - 459 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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geleisteten Versprechens antizipiert.
Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche Schönheit Aussees bei meinem
damals dreieinvierteljährigen Töchterchen erregt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den See
gefahren, und die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungsstelle wollte sie
das Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am nächsten Morgen erzählte sie: Heute nacht bin
ich auf dem See gefahren. Hoffen wir, daß die Dauer dieser Traumfahrt sie besser befriedigt hat.
Mein ältester, derzeit achtjähriger Knabe träumt bereits die Realisierung seiner Phantasien. Er ist
mit dem Achilleus in einem Wagen gefahren, und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich
natürlich tags vorher für die Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren Schwester geschenkt
worden sind.
Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlaf der Kinder gleichfalls dem Kreis des
Träumens angehört, so kann ich im folgenden einen der jüngsten Träume meiner Sammlung
mitteilen. Mein jüngstes Mädchen, damals neunzehn Monate alt, hatte eines Morgens erbrochen
und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. In der Nacht, die diesem Hungertag
folgte, hörte man sie erregt aus dem Schlaf rufen: Anna Freud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier(s)peis,
Papp. Ihren Namen gebrauchte sie damals, um die Besitzergreifung auszudrücken; der
Speisezettel umfaßte wohl alles, was ihr als begehrenswerte Mahlzeit erscheinen mußte; daß die
Erdbeeren darin in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen die häusliche
Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr wohl bemerkten Nebenumstand, daß die
Kinderfrau ihre Indisposition auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte; für dies ihr
unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre Revanche[40].
Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle Begierde noch nicht kennt, so
wollen wir nicht verkennen, eine wie reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der
Traumanregung der andere der großen Lebenstriebe für sie werden kann[41]. Hier ein zweites
Beispiel dafür. Mein zweiundzwanzigmonatiger Neffe hat zu meinem Geburtstage die Aufgabe
bekommen, mir zu gratulieren und als Geschenk ein Körbchen mit Kirschen zu überreichen, die
um diese Zeit des Jahres noch zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm hart anzukommen, denn er
wiederholt unaufhörlich: Kirschen sind d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den
Händen zu geben. Aber er weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden Morgen seiner
Mutter zu erzählen, daß er vom »weißen Soldat« geträumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den
er einst auf der Straße bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig mit
der Mitteilung, die nur einem Traum entstammen kann: He(r)man alle Kirschen aufgessen![42]
Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, dessen Erwähnung ich einem meiner
Hörer danke, behauptet es zu wissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die Gans? und
beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais)[43]. Die ganze Theorie, daß der Traum eine
Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen enthalten[44].
Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem verborgenen Sinn des Traumes auch auf
dem kürzesten Wege gelangt wären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hätten. Die
Sprachweisheit redet zwar manchmal verächtlich genug vom Traum – man meint, sie wolle der
Wissenschaft recht geben, wenn sie urteilt: Träume sind Schäume – aber für den Sprachgebrauch
ist der Traum doch vorwiegend der holde Wunscherfüller. »Das hätt’ ich mir in meinen kühnsten
Träumen nicht vorgestellt«, ruft entzückt, wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen übertroffen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin