Seite - 470 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Lebens etwas für ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse. Sie hatte es in Abrede
gestellt, weil es sich nicht in ihrer Erinnerung vorfand. Wir kamen bald darauf, daß ich recht
hatte. Ihr Wunsch, daß ich unrecht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit ihrer
Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten Wunsch, daß jene damals erst
vermuteten Dinge sich nie ereignet haben möchten.
Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich mir ein kleines Vorkommnis bei
einem Freunde zu deuten, der durch die acht Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er
hörte einmal in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über die Neuigkeit, daß der Traum
eine Wunscherfüllung sei, ging nach Hause, träumte, daß er alle seine Prozesse verloren habe –
er war Advokat –, und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit der Ausflucht: Man kann
nicht alle Prozesse gewinnen, dachte aber bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als Primus in der
ersten Bank gesessen, während er irgendwo in der Mitte der Klasse den Platz gewechselt, sollte
ihm aus diesen Knabenjahren der Wunsch ferne geblieben sein, daß ich mich auch einmal
gründlich blamieren möge?
Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir gleichfalls von einer Patientin als
Einspruch gegen die Theorie des Wunschtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein junges
Mädchen, begann: Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur einen Buben hat, den Karl;
den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich
habe ihn eigentlich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange nicht so sehr
wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht, daß ich den Karl tot vor mir liegen sehe. Er
liegt in seinem kleinen Sarg, die Hände gefaltet, Kerzen ringsherum, kurz ganz so wie damals der
kleine Otto, dessen Tod mich so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, was soll das heißen? Sie
kennen mich ja; bin ich eine so schlechte Person, daß ich meiner Schwester den Verlust des
einzigen Kindes wünschen sollte, das sie noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich lieber den
Karl tot wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt habe?
Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen sei. Nach kurzem Besinnen konnte
ich ihr die richtige Deutung des Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang
mir dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin bekannt war.
Frühzeitig verwaist, was das Mädchen im Hause ihrer um vieles älteren Schwester aufgezogen
worden und begegnete unter den Freunden und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der
einen bleibenden Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile, als ob diese kaum
ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirat enden sollten, aber dieser glückliche Ausgang
wurde durch die Schwester vereitelt, deren Motive nie eine völlige Aufklärung gefunden haben.
Nach dem Bruch mied der von unserer Patientin geliebte Mann das Haus; sie selbst machte sich
einige Zeit nach dem Tod des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen gewendet
hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der Abhängigkeit frei zu machen, in welche
sie durch ihre Neigung zu dem Freund ihrer Schwester geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, ihm
auszuweichen; es war ihr aber unmöglich, ihre Liebe auf andere Bewerber zu übertragen, die sich
in der Folge einstellten. Wenn der geliebte Mann, der dem Literatenstand angehörte, irgendwo
einen Vortrag angekündigt hatte, war sie unfehlbar unter den Zuhörern zu finden, und auch sonst
ergriff sie jede Gelegenheit, ihn am dritten Orte aus der Ferne zu sehen. Ich erinnerte mich, daß
sie mir tags vorher erzählt hatte, der Professor ginge in ein bestimmtes Konzert und sie wolle
auch dorthin gehen, um sich wieder einmal seines Anblicks zu erfreuen. Das war am Tag vor
dem Traum; an dem Tag, an dem sie mir den Traum erzählte, sollte das Konzert stattfinden. Ich
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin