Seite - 471 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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konnte mir so die richtige Deutung leicht konstruieren und fragte sie, ob ihr irgendein Ereignis
einfalle, das nach dem Tod des kleinen Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort: Gewiß, damals
ist der Professor nach langem Ausbleiben wiedergekommen, und ich habe ihn an dem Sarg des
kleinen Otto wieder einmal gesehen. Es war genauso, wie ich es erwartet hatte. Ich deutete also
den Traum in folgender Art: »Wenn jetzt der andere Knabe stürbe, würde sich dasselbe
wiederholen. Sie würden den Tag bei Ihrer Schwester zubringen, der Professor käme sicherlich
hinauf, um zu kondolieren, und unter den nämlichen Verhältnissen wie damals würden Sie ihn
wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts als diesen Ihren Wunsch nach Wiedersehen, gegen den
Sie innerlich ankämpfen. Ich weiß, daß Sie das Billett für das heutige Konzert in der Tasche
tragen. Ihr Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat das Wiedersehen, das heute stattfinden soll, um
einige Stunden verfrüht.«
Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation gewählt, in welcher solche
Wünsche unterdrückt zu werden pflegen, eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist,
daß man an Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in der realen Situation,
welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge des ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie
die zärtliche Empfindung für den lange vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken können.
Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen Patientin, die sich in früheren
Jahren durch raschen Witz und heitere Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt
wenigstens noch in ihren Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam es im
Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre einzige, fünfzehnjährige Tochter in
einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte nicht übel Lust, aus dieser Traumerscheinung einen
Einwand gegen die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das Detail der
Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des Traumes anzeigen müsse[53]. Bei der
Analyse fiel ihr ein, daß in der Gesellschaft abends vorher die Rede auf das englische Wort »box«
gekommen war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen desselben im Deutschen als:
Schachtel, Loge, Kasten, Ohrfeige usw. Aus anderen Bestandstücken desselben Traumes ließ sich
nun ergänzen, daß sie die Verwandtschaft des englischen »box« mit dem deutschen »Büchse«
erraten habe und dann von der Erinnerung heimgesucht worden sei, daß »Büchse« auch als
vulgäre Bezeichnung des weiblichen Genitals gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihre
Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man also annehmen, daß das Kind in der
»Schachtel« eine Frucht im Mutterleibe bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß
das Traumbild wirklich einem Wunsch von ihr entspreche. Wie so viele junge Frauen war sie
keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität geriet, und gestand sich mehr als einmal den
Wunsch ein, daß ihr das Kind im Mutterleibe absterben möge; ja in einem Wutanfalle nach einer
heftigen Szene mit ihrem Manne schlug sie mit den Fäusten auf ihren Leib los, um das Kind
darin zu treffen. Das tote Kind war also wirklich eine Wunscherfüllung, aber die eines seit
fünfzehn Jahren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu verwundern, wenn man die
Wunscherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr erkennt. Unterdessen hat sich eben
zu viel geändert.
Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die den Tod lieber Angehöriger zum
Inhalt haben, soll bei den typischen Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort
an neuen Beispielen zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhalts alle diese Träume als
Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem Patienten, sondern einem intelligenten
Rechtsgelehrten meiner Bekanntschaft verdanke ich folgenden Traum, der mir wiederum in der
Absicht erzählt wurde, mich von voreiliger Verallgemeinerung in der Lehre vom Wunschtraum
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin