Seite - 473 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur wenig zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein
Bekannter komme aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm und teile ihm mit, daß alle
anderen Steuerbekenntnisse unbeanstandet geblieben seien, das seinige aber habe allgemeines
Mißtrauen erweckt und werde ihm eine empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine
lässig verhüllte Wunscherfüllung, für einen Arzt von großem Einkommen zu gelten. Er erinnert
übrigens an die bekannte Geschichte von jenem jungen Mädchen, welchem abgeraten wird,
ihrem Freier zuzusagen, weil er ein jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit
Schlägen traktieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet: Schlüg’ er mich erst! Ihr Wunsch,
verheiratet zu sein, ist so lebhaft, daß sie die in Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit
dieser Ehe verbunden sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsch erhebt.
Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art, die meiner Lehre direkt zu
widersprechen scheinen, indem sie das Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas
offenbar Ungewünschtem zum Inhalt haben, als »Gegenwunschträume« zusammen, so sehe ich,
daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien zurückführen lassen, von denen das eine noch nicht
erwähnt worden ist, obwohl es im Leben wie im Träumen der Menschen eine große Rolle spielt.
Die eine Triebkraft dieser Träume ist der Wunsch, daß ich unrecht haben soll. Diese Träume
ereignen sich regelmäßig im Laufe meiner Behandlungen, wenn sich der Patient im Widerstand
gegen mich befindet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf rechnen, einen solchen Traum
hervorzurufen, nachdem ich dem Kranken die Lehre, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst
vorgetragen habe[55]. Ja, ich darf erwarten, daß es manchem meiner Leser ebenso ergehen wird; er
wird sich bereitwillig im Traume einen Wunsch versagen, um sich nur den Wunsch, daß ich
unrecht haben möge, zu erfüllen. Der letzte Kurtraum dieser Art, den ich mitteilen will, zeigt
wiederum das nämliche. Ein junges Mädchen, welches sich die Fortsetzung meiner Behandlung
mühsam erkämpft hat, gegen den Willen ihrer Angehörigen und der zu Rate gezogenen
Autoritäten, träumt: Zu Hause verbiete man ihr, weiter zu mir zu kommen. Sie beruft sich dann
bei mir auf ein ihr gegebenes Versprechen, sie im Notfalle auch umsonst zu behandeln, und ich
sage ihr: In Geldsachen kann ich keine Rücksicht üben.
Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nachzuweisen, aber in all solchen Fällen
findet sich außer dem einen Rätsel noch ein anderes, dessen Lösung auch das erste lösen hilft.
Woher stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe ihr natürlich nie etwas
Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder, und gerade jener, der den größten Einfluß auf sie hat,
war so liebenswürdig, über mich diesen Ausspruch zu tun. Der Traum will also erreichen, daß der
Bruder recht behalte, und diesem Bruder recht verschaffen will sie nicht nur im Traume; es ist der
Inhalt ihres Lebens und das Motiv ihres Krankseins.
Ein Traum, welcher der Theorie von der Wunscherfüllung auf den ersten Blick besondere
Schwierigkeit bereitet, ist von einem Arzt (Aug. Stärcke, 1911) geträumt und gedeutet worden:
»Ich habe und sehe an meinem linken Zeigefinger einen syphilitischen Primäraffekt an der letzten
Phalange.«
Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traums durch die Erwägung abhalten lassen, daß
er ja bis auf seinen unerwünschten Inhalt klar und kohärent erscheint. Allein, wenn man die
Mühe einer Analyse nicht scheut, erfährt man, daß »Primäraffekt« gleichzusetzen ist einer
»prima affectio« (erste Liebe) und daß das widerliche Geschwür nach den Worten Stärckes »sich
als Vertreter von mit großem Affekt belegten Wunscherfüllungen« erweist.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin