Seite - 480 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Trauminhalts zu deuten. Ein
getrocknetes Spezimen der Pflanze liegt der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. Ans
Herbarium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasialdirektor rief einmal die
Schüler der höheren Klassen zusammen, um ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und
zur Reinigung zu übergeben. Es hatten sich kleine Würmer eingefunden – Bücherwurm. Zu
meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige
Blätter. Ich weiß noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte niemals ein besonders
intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner botanischen Vorprüfung bekam ich wiederum eine
Kruzifere zur Bestimmung und – erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht
meine theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. – Von den Kruziferen gerate ich auf
die Kompositen. Eigentlich ist auch die Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich
meine Lieblingsblume heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir diese Lieblingsblume
vom Markte heimzubringen.
Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben habe. Auch dies ist nicht ohne
Bezug. Mein visueller Freund schrieb mir gestern aus Berlin: »Mit deinem Traumbuche
beschäftige ich mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir liegen und blättere darin.« Wie habe ich
ihn um diese Sehergabe beneidet! Wenn ich es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen
könnte!
Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student der Medizin war, litt ich viel unter dem
Impuls, nur aus Monographien lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner beschränkten
Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige Tafeln mein Entzücken waren. Ich war stolz
auf diese Neigung zur Gründlichkeit. Als ich dann selbst zu publizieren begann, mußte ich auch
die Tafeln für meine Abhandlungen zeichnen, und ich weiß, daß eine derselben so kümmerlich
ausfiel, daß mich ein wohlwollender Kollege ihretwegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich weiß
nicht recht wie, eine sehr frühe Jugenderinnerung. Mein Vater machte sich einmal den Scherz,
mir und meiner ältesten Schwester ein Buch mit farbigen Tafeln (Beschreibung einer Reise in
Persien) zur Vernichtung zu überlassen. Es war erziehlich kaum zu rechtfertigen. Ich war damals
fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das Bild, wie wir Kinder überselig dieses
Buch zerpflücken (wie eine Artischocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige,
was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben ist. Als ich dann Student
wurde, entwickelte sich bei mir eine ausgesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu
besitzen (analog der Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Liebhaberei, wie sie in den
Traumgedanken betreffs Zyklamen und Artischocke bereits vorkommt). Ich wurde ein
Bücherwurm (vgl. Herbarium). Ich habe diese erste Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich
über mich nachdenke, immer auf diesen Kindereindruck zurückgeführt, oder vielmehr, ich habe
erkannt, daß diese Kinderszene eine »Deckerinnerung« für meine spätere Bibliophilie ist[60].
Natürlich habe ich auch frühzeitig erfahren, daß man durch Leidenschaften leicht in Leiden gerät.
Als ich siebzehn Jahre alt war, hatte ich ein ansehnliches Konto beim Buchhändler und keine
Mittel, es zu begleichen, und mein Vater ließ es kaum als Entschuldigung gelten, daß sich meine
Neigungen auf nichts Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses späteren
Jugenderlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräch mit meinem Freunde Dr. Königstein
zurück. Denn um dieselben Vorwürfe wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel
nachgebe, handelte es sich auch im Gespräch am Abend des Traumtages.
Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung dieses Traumes nicht verfolgen,
sondern bloß den Weg angeben, welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an das
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin