Seite - 481 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar von mehr als einer Stelle aus. Wenn ich
mir vorhalte, welche Dinge in diesem Gespräch berührt worden sind, so wird der Sinn des
Traumes mir verständlich. Alle angefangenen Gedankengänge, von den Liebhabereien meiner
Frau und meinen eigenen, vom Kokain, von den Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter
Kollegen, von meiner Vorliebe für monographische Studien und meiner Vernachlässigung
gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann seine Fortsetzung und mündet in
irgendeinen der Fäden der vielverzweigten Unterredung ein. Der Traum bekommt wieder den
Charakter einer Rechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Recht, wie der erstanalysierte Traum
von Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene Thema fort und erörtert es an einem neuen
Material, welches im Intervall zwischen beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die
scheinbar indifferente Ausdrucksform des Traumes bekommt einen Akzent. Es heißt jetzt: Ich bin
doch der Mann, der die wertvolle und erfolgreiche Abhandlung (über das Kokain) geschrieben
hat, ähnlich wie ich damals zu meiner Rechtfertigung vorbrachte: Ich bin doch ein tüchtiger und
fleißiger Student; in beiden Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf die
Ausführung der Traumdeutung hier verzichten, weil mich zur Mitteilung des Traumes nur die
Absicht bewogen hat, an einem Beispiele die Beziehung des Trauminhalts zu dem erregenden
Erlebnis des Vortages zu untersuchen. Solange ich von diesem Traume nur den manifesten Inhalt
kenne, wird mir nur eine Beziehung des Traumes zu einem Tageseindruck augenfällig; nachdem
ich die Analyse gemacht habe, ergibt sich eine zweite Quelle des Traumes in einem anderen
Erlebnis desselben Tages. Der erste der Eindrücke, auf welche sich der Traum bezieht, ist ein
gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schaufenster ein Buch, dessen Titel mich flüchtig
berührt, dessen Inhalt mich kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen hohen
psychischen Wert; ich habe mit meinem Freund, dem Augenarzt, wohl eine Stunde lang eifrig
gesprochen, ihm Andeutungen gemacht, die uns beiden nahegehen mußten, und Erinnerungen in
mir wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten Erregungen meines Innern mir bemerklich
wurden. Überdies wurde dieses Gespräch unvollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen.
Wie stehen nun die beiden Eindrücke des Tages zueinander und zu dem in der Nacht erfolgenden
Traum?
Im Trauminhalte finde ich nur eine Anspielung auf den gleichgültigen Eindruck und kann so
bestätigen, daß der Traum mit Vorliebe Nebensächliches aus dem Leben in seinem Inhalt
aufnimmt. In der Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht erregende
Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es einzig richtig ist, nach dem latenten, durch
die Analyse zutage geförderten Inhalt beurteile, so bin ich unversehens zu einer neuen und
wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Rätsel zerfallen, daß der Traum sich nur mit den
wertlosen Brocken des Tageslebens beschäftigt; ich muß auch der Behauptung widersprechen,
daß das Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt und der Traum dafür
psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. Das Gegenteil ist wahr; was uns bei
Tage in Anspruch genommen hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und wir geben uns die
Mühe zu träumen nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage Anlaß zum Denken geboten
hätten.
Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleichgültigen Tageseindruck träume,
während der mit Recht aufregende mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder
ein Phänomen der Traumentstellung vorliegt, welche wir oben auf eine als Zensur waltende
psychische Macht zurückgeführt haben. Die Erinnerung an die Monographie über die Gattung
Zyklamen erfährt eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung auf das Gespräch mit dem
Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traum von dem verhinderten Souper die Erwähnung der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin