Seite - 482 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Freundin durch die Anspielung »geräucherter Lachs« vertreten wird. Es fragt sich nur, durch
welche Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu dem Gespräche mit dem Augenarzt
in das Verhältnis der Anspielung treten, da eine solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist.
In dem Beispiele vom verhinderten Souper ist die Beziehung von vornherein gegeben;
»geräucherter Lachs« als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne weiteres zu dem
Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei der Träumenden anzuregen vermag. In
unserem neuen Beispiel handelt es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts
gemeinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die Monographie fällt mir am
Vormittag auf, das Gespräch führe ich dann am Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die
Hand gibt, lautet: Solche erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Eindrücken
werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt des einen zum Vorstellungsinhalt des anderen
angesponnen. Ich habe die betreffenden Mittelglieder bereits bei der Niederschrift der Analyse
hervorgehoben. An die Vorstellung der Monographie über Zyklamen würde sich ohne
Beeinflussung von anderswoher wohl nur die Idee knüpfen, daß diese die Lieblingsblume meiner
Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube nicht,
daß diese Hintergedanken genügt hätten, einen Traum hervorzurufen.
»There needs no ghost, my lord, come from the grave
To tell us this«
heißt es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich daran erinnert, daß der Mann, der
unser Gespräch störte, Gärtner hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne mich eben
jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den schönen Namen Flora trägt, eine Weile
im Mittelpunkt unseres Gespräches stand. Es muß so zugegangen sein, daß sich über diese
Mittelglieder aus dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden
Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, vollzog. Dann stellten sich weitere
Beziehungen ein, die des Kokains, welche mit Fug und Recht zwischen der Person des Dr.
Königstein und einer botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln kann, und
befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungskreise zu einem, so daß nun ein Stück
aus dem ersten Erlebnis als Anspielung auf das zweite verwendet werden konnte.
Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine willkürliche oder als eine gekünstelte
anfechten wird. Was wäre geschehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht
hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht Flora, sondern Anna hieße? Und doch
ist die Antwort leicht. Wenn sich nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären
wahrscheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Beziehungen herzustellen,
wie ja die Scherz- und Rätselfragen, mit denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen.
Der Machtbereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt weiter zu gehen: wenn
sich zwischen den beiden Eindrücken des Tages keine genug ausgiebigen Mittelbeziehungen
hätten herstellen lassen, so wäre der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger
Eindruck des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns vergessen werden, hätte
für den Traum die Stelle der »Monographie« übernommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt
des Gesprächs gelangt und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als der von der
Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der für die Verknüpfung passendste
gewesen sein. Man braucht sich nie wie Hänschen Schlau bei Lessing darüber zu wundern, »daß
nur die Reichen in der Welt das meiste Geld besitzen«.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin