Seite - 487 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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tags vorher zu ihrer Köchin gesagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt:
Benehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greifbar; von den beiden Sätzen, die
sie gegen ihre Köchin gebraucht, hat sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der
unterdrückte aber: »Benehmen Sie sich anständig!« stimmt allein zum übrigen Trauminhalt. So
könnte man jemandem zurufen, der unanständige Zumutungen wagt und vergißt, »die
Fleischbank zuzuschließen«. Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen sind, beweist
dann der Zusammenklang mit den Anspielungen, die in der Begebenheit mit der Gemüsefrau
niedergelegt sind. Ein Gemüse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich ist,
wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann das anderes sein als die
Traumvereinigung von Spargel und schwarzem Rettich? Spargel brauche ich keinem und keiner
Wissenden zu deuten, aber auch das andere Gemüse – als Zuruf: Schwarzer, rett’ dich! – scheint
mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich anfangs errieten, als wir für die
Traumerzählung einsetzen wollten: die Fleischbank war geschlossen. Es kommt nicht darauf an,
den Sinn dieses Traumes vollständig zu erkennen; soviel steht fest, daß er sinnreich ist und
keineswegs harmlos[70].
II
Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser Hinsicht ein Gegenstück zum
vorigen: Ihr Mann fragt: Soll man das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht, es muß
ohnedies neu beledert werden. Wiederum die Wiederholung eines realen Ereignisses vom
Vortag. Ihr Mann hat so gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß sie es
träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein ekelhafter Kasten, der einen schlechten Ton gibt,
ein Ding, das ihr Mann schon vor der Ehe besessen hat[71] usw., aber den Schlüssel zur Lösung
ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese stammt von einem gestern gemachten Besuch bei
ihrer Freundin. Dort wurde sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den
Worten: Danke, es lohnt nicht, ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung muß mir einfallen,
daß sie gestern während der Analysenarbeit plötzlich an ihre Jacke griff, an der sich ein Knopf
geöffnet hatte. Es ist also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht. So
ergänzt sich der Kasten zum Brustkasten, und die Deutung des Traumes führt direkt in die Zeit
ihrer körperlichen Entwicklung, da sie anfing, mit ihren Körperformen unzufrieden zu sein. Es
führt auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das »Ekelhaft« und den »schlechten Ton«
Rücksicht nehmen und uns daran erinnern, wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen
Körpers – als Gegensatz und als Ersatz – für die großen eintreten – in der Anspielung und im
Traum.
III
Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harmlosen Traum eines jungen Mannes
einschiebe. Er hat geträumt, daß er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist. Anlaß
dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetretene Kälte. Ein feineres Urteil wird
indes bemerken, daß die beiden kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in
der Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was könnte daran »schrecklich« sein. Zum
Schaden für die Harmlosigkeit dieses Traumes bringt auch der erste Einfall bei der Analyse die
Erinnerung, daß eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind einem
geplatzten Kondom seine Existenz verdankt. Er rekonstruiert nun seine Gedanken bei diesem
Anlasse: Ein dünner Kondom ist gefährlich, ein dicker schlecht. Der Kondom ist der
»Überzieher« mit Recht, man zieht ihn ja über; so heißt man auch einen leichten Rock. Ein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin