Seite - 488 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ereignis wie das von der Dame berichtete wäre für den unverheirateten Mann allerdings
»schrecklich«.
Nun wieder zurück zu unserer harmlosen Träumerin.
IV
Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut steht.
Die Mädchen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt; das Fräulein aber, es sei nicht ihre
Schuld.
Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze in den Leuchter gesteckt; die war
aber nicht gebrochen. Hier ist eine durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein
Gegenstand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so daß sie nicht gut
steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes (»es sei nicht ihre Schuld«). Ob nur die
sorgfältig erzogene und allem Häßlichen fremd gebliebene junge Frau diese Verwendung der
Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch welches Erlebnis sie zu dieser Kenntnis
gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt auf dem Rhein fährt ein Boot an ihnen vorüber, in dem
Studenten sitzen, welche mit großem Behagen ein Lied singen oder brüllen:
»Wenn die Königin von Schweden,
bei geschlossenen Fensterläden
mit Apollokerzen . . .«
Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß ihr die verlangte Aufklärung geben.
Diese Verse sind dann im Trauminhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag,
den sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, und zwar vermöge des Gemeinsamen:
geschlossene Fensterläden. Die Verbindung des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist
klar genug. »Apollo« im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren, in
dem von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich nicht harmlos.
V
Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirklichen Lebensverhältnisse der
Träumer nicht zu leicht vorstelle, füge ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint
und von derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt sie, was ich bei Tag wirklich
getan habe, nämlich einen kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe hatte, ihn zu
schließen, und ich habe es so geträumt, wie es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin
selbst das Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum und Wirklichkeit. Alle solchen
Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traum, gehören nun, obwohl sie sich einen Platz im
wachen Denken geschaffen haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns noch
spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns also gesagt, das, was der Traum erzählt, ist am
Tag vorher wirklich vorgefallen. Es wäre nun zu weitläufig, mitzuteilen, auf welchem Wege man
zum Einfalle kommt, bei der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, es handelt sich
wieder um eine kleine box (vgl. S. 169 f. den Traum vom toten Kind in der Schachtel), die so
angefüllt worden ist, daß nichts mehr hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin