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Das Infantile als Traumquelle
Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhaltes haben wir mit allen Autoren (bis auf
Robert) angeführt, daß im Traume Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können,
über welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügen scheint. Wie selten oder wie häufig
sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer zu beurteilen, weil die betreffenden Elemente des
Traumes nach dem Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß es sich
hier um Eindrücke der Kindheit handelt, muß also auf objektivem Wege erbracht werden, wozu
sich die Bedingungen nur in seltenen Fällen zusammenfinden können. Als besonders
beweiskräftig wird von A. Maury die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher eines Tages sich
entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit seinen Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor
der Abreise träumte er, er sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne daselbst auf
der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich unterhalte. In seine Heimat zurückgekehrt,
konnte er sich nun überzeugen, daß diese unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner
Heimatstadt wirklich existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte sich als ein
dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein zwingender Beweis dafür, daß
er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als
Ungeduldstraum zu deuten, wie der des Mädchens, welches das Billet für den Konzertabend in
der Tasche trägt (S. 167
ff.); des Kindes, welchem der Vater den Ausflug nach dem Hameau
versprochen hat, u. dgl. Die Motive, welche dem Träumer gerade diesen Eindruck aus seiner
Kindheit reproduzieren, sind natürlich ohne Analyse nicht aufzudecken.
Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine Träume nur sehr selten der
Traumentstellung unterliegen, teilte mir mit, daß er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein
ehemaliger Hofmeister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu seinem elften Jahre im Hause
gewesen war. Die Örtlichkeit für diese Szene fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert
teilte er den Traum seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirklichkeit des Geträumten
bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran, denn er sei damals sechs Jahre alt gewesen. Das
Liebespaar pflegte ihn, den älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn die
Umstände einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das kleinere, damals dreijährige Kind –
unser Träumer –, das im Zimmer der Bonne schlief, wurde nicht als Störung betrachtet.
Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne Beihilfe der Traumdeutung
feststellen, daß der Traum Elemente aus der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein
sogenannter perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später immer wieder von
Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwachsenen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser
Art kann ich einige aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir selbst einen solchen
perennierenden Traum nicht kennengelernt habe. Ein Arzt in den Dreißigern erzählte mir, daß in
seinem Traumleben von den ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein
gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben vermag. Dieser ihm aus
Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich eines Tages in natura als ein lange verschollener
Gegenstand aus Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, daß dieses
Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit gewesen war, woran er sich selbst
nicht mehr erinnern konnte.
Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den Traumgedanken, welche erst die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin