Seite - 495 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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unverkürzt und unverändert den alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige
Beispiele für dieses Vorkommen sichergestellt, zu denen ich einige neue hinzufügen kann, die
sich wiederum auf Infantilszenen beziehen. Bei einem meiner Patienten brachte einmal ein
Traum eine kaum entstellte Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue
Erinnerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen zwar nie völlig verloren
gewesen, aber doch stark verdunkelt worden, und ihre Neubelebung war ein Erfolg der
vorausgegangenen analytischen Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen
Kollegen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Bewegung im Bette entblößte.
Beim Anblick seiner Genitalien von einer Art Zwang ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte
das Glied des anderen, der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf er verlegen wurde
und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum dreiundzwanzig Jahre später auch mit allen
Einzelheiten der in ihr vorkommenden Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der
Träumer anstatt der aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person des Schulkollegen
durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt wurde.
In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Trauminhalt nur durch eine Anspielung
vertreten und muß durch Deutung aus dem Traum entwickelt werden. Die Mitteilung solcher
Beispiele kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kindererlebnisse meistens
jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung
nicht mehr anerkannt. Das Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu
schließen, ergibt sich bei der psychoanalytischen Arbeit aus einer ganzen Reihe von Momenten,
die in ihrem Zusammenwirken verläßlich genug erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus
ihrem Zusammenhange gerissen, werden solche Zurückführungen auf Kindererlebnisse vielleicht
wenig Eindruck machen, besonders da ich nicht einmal alles Material mitteile, auf welches sich
die Deutung stützt. Indes will ich mich darum von der Mitteilung nicht abhalten lassen.
I
Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charakter des »Gehetzten«; sie hetzt sich,
um zurechtzukommen, den Eisenbahnzug nicht zu versäumen u. dgl. In einem Traume soll sie
ihre Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht gehen; sie läuft aber und
fällt dabei in einem fort. – Das bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung
an Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was der Wiener »eine Hetz« nennt), und gibt
speziell für den einen Traum die Zurückführung auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz:
»Die Kuh rannte, bis sie fiel« so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges Wort wäre, was
wiederum ein »Hetzen« ist. Alle diese harmlosen Hetzereien unter kleinen Freundinnen werden
erinnert, weil sie andere, minder harmlose, ersetzen.
II
Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem großen Zimmer, in dem allerlei Maschinen
stehen, etwa so, wie sie sich eine orthopädische Anstalt vorstellt. Sie hört, daß ich keine Zeit habe
und daß sie die Behandlung gleichzeitig mit fünf anderen machen muß. Sie sträubt sich aber und
will sich in das für sie bestimmte Bett – oder was es ist – nicht legen. Sie steht in einem Winkel
und wartet, daß ich sage, es ist nicht wahr. Die anderen lachen sie unterdes aus, es sei Faxerei
von ihr. – Daneben, als ob sie viele kleine Quadrate machen würde.
Der erste Teil dieses Trauminhalts ist eine Anknüpfung an die Kur und Übertragung auf mich.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin