Seite - 496 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Der zweite enthält die Anspielung an die Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die
beiden Stücke aneinandergelötet. Die orthopädische Anstalt geht auf eine meiner Reden zurück,
in der ich die Behandlung ihrer Dauer wie ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen
verglichen hatte. Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mitteilen, daß ich vorläufig wenig Zeit
für sie habe, ihr aber später eine ganze Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte
Empfindlichkeit in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten Kinder ist.
Sie sind unersättlich nach Liebe. Meine Patientin war die jüngste von sechs Geschwistern (daher:
mit fünf anderen) und als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu haben, daß der
geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit widme. – Daß sie wartet, bis ich sage,
es ist nicht wahr, hat folgende Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid gebracht
und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren Mann, ob sie das Geld nochmals
bezahlen müsse, wenn er es verliere. Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei
im Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und wartete darauf, daß er endlich
sage, es ist nicht wahr. Nun läßt sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob
sie mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die doppelte Zeit widme, ein Gedanke,
der geizig oder schmutzig ist. (Die Unreinlichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom Traum
durch Geldgeiz ersetzt; das Wort »schmutzig« bildet dabei die Brücke.) Wenn all das vom
Warten, bis ich sage usw., das Wort »schmutzig« im Traum umschreiben soll, so stimmt das
Im-Winkel-Stehen und das Sich-nicht-ins-Bett-Legen dazu als Bestandteil einer Kinderszene, in
der sie das Bett schmutzig gemacht hätte, zur Strafe in den Winkel gestellt wird unter der
Androhung, daß sie der Papa nicht mehr liebhaben werde, die Geschwister sie auslachen usw.
Die kleinen Quadrate zielen auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst gezeigt, wie man in
neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, daß sie addiert nach allen Richtungen fünfzehn
ergeben.
III
Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die sich balgen, und zwar Faßbinderknaben, wie
er aus den herumliegenden Gerätschaften schließt; einer der Knaben hat den anderen
niedergeworfen, der liegende Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen. Er eilt dem Missetäter mit
erhobenem Stock nach, um ihn zu züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau, die bei einem
Bretterzaun steht, als ob sie seine Mutter wäre. Es ist eine Taglöhnersfrau, die dem Träumer den
Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie sich um und schaut ihn mit einem gräßlichen Blick an, so daß
er erschreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom unteren Lid das rote Fleisch vorstehen.
Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortags reichlich verwertet. Er hat gestern wirklich
zwei Knaben auf der Straße gesehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte, um
zu schlichten, ergriffen sie die Flucht. – Faßbinderknaben: wird erst durch einen nachfolgenden
Traum erklärt, in dessen Analyse er die Redensart gebraucht: Dem Faß den Boden ausschlagen. –
Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung meist die Prostituierten. So fügt
sich ein bekannter Klapphornvers von zwei Knaben an: Der andere Knabe, der hieß Marie (d.
h.
war ein Mädchen). – Die stehende Frau: Nach der Szene mit den beiden Knaben ging er am
Donauufer spazieren und benützte die Einsamkeit dort, um gegen einen Bretterzaun zu urinieren.
Auf dem weiteren Weg lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere Dame sehr freundlich an und
wollte ihm ihre Adreßkarte überreichen.
Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so handelt es sich um ein urinierendes
Weib, und dazu gehört dann der gräßliche »Anblick«, das Vorstehen des roten Fleisches, was sich
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin