Seite - 507 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Man beschied sich vielfach, den »Nervenreiztraum« als eine gut erforschte Unterart des Traumes
vor anderen Traumformen hervorzuheben. Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und
Assoziationstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbefriedigend blieb, solange es nicht
gelang, das Band zwischen den somatischen Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des
Traumes nachzuweisen.
Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der Häufigkeit der äußeren Reizquellen, stellt
sich so als zweiter die Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traums, die durch die Einführung
dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die Vertreter der Lehre sind uns zwei solcher
Aufklärungen schuldig, erstens, warum der äußere Reiz im Traum nicht in seiner wirklichen
Natur erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (vergleiche die Weckerträume, S. 53 f.), und
zweitens, warum das Resultat der Reaktion der wahrnehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz
so unbestimmbar wechselvoll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage haben wir von
Strümpell gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung von der Außenwelt während des
Schlafes nicht imstande ist, die richtige Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern
genötigt wird, auf Grund der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illusionen zu
bilden, in seinen Worten ausgedrückt (1877, 108 f.):
»Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während des Schlafes in der Seele eine
Empfindung oder ein Empfindungskomplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang
entsteht und von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der Seele vom
Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungsbilder, also frühere Wahrnehmungen,
entweder nackt oder mit zugehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt gleichsam um sich
eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durch welche der vom Nervenreiz herrührende
Eindruck seinen psychischen Wert bekommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der
Sprachgebrauch für das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlaf die Nervenreizeindrücke
deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte Nervenreiztraum, d. h. ein Traum, dessen
Bestandteile dadurch bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktion seine
psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.«
In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung von Wundt, die Vorstellungen
des Traumes gehen jedenfalls zum größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch von
solchen des allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phantastische Illusionen, wahrscheinlich
nur zum kleineren Teil reine, zu Halluzinationen gesteigerte Erinnerungsvorstellungen. Für das
Verhältnis des Trauminhalts zu den Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt, findet
Strümpell das treffliche Gleichnis (1877, 84), es sei, wie »wenn die zehn Finger eines der Musik
ganz unkundigen Menschen über die Tasten des Instrumentes hinlaufen«. Der Traum erschiene
so nicht als ein seelisches Phänomen, aus psychischen Motiven entsprungen, sondern als der
Erfolg eines physiologischen Reizes, der sich in psychischer Symptomatologie äußert, weil der
vom Reiz betroffene Apparat keiner anderen Äußerung fähig ist. Auf eine ähnliche
Voraussetzung ist z.
B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, die Meynert durch das
berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem einzelne Zahlen stärker gewölbt vorspringen, zu
geben versuchte.
So beliebt die Lehre von den somatischen Traumreizen geworden ist und so bestechend sie
erscheinen mag, so ist es doch leicht, den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische
Traumreiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung durch Illusionsbildung
auffordert, kann ungezählt viele solcher Deutungsversuche anregen, also in ungemein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin