Seite - 509 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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der Katze die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des hellen und glatten Gebäcks
die Leibesnacktheit.« Der menschliche Leib als Ganzes wird von der Traumphantasie als Haus
vorgestellt, das einzelne Körperorgan durch einen Teil des Hauses. In den »Zahnreizträumen«
entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur und dem Hinabfall des Schlundes zur
Speiseröhre eine Treppe, »im ›Kopfschmerztraum‹ wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des
Kopfes die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, krötenartigen Spinnen bedeckt
ist.« »Diese Symbole werden vom Traum in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ
verwendet; so findet die atmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen mit seinem Brausen ihr
Symbol, das Herz in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden, beutelförmigen oder
überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen.« »Besonders wichtig ist es, daß am Schlusse des
Traumes öfters das erregende Organ oder dessen Funktion unverhüllt hingestellt wird, und zwar
zumeist an dem eigenen Leib des Träumers. So endet der ›Zahnreiztraum‹ gewöhnlich damit, daß
der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht.« (Ibid., 35.) Man kann nicht sagen, daß diese
Theorie der Traumdeutung viel Gunst bei den Autoren gefunden hat. Sie erschien vor allem
extravagant; man hat selbst gezögert, das Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach
meinem Urteil beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur Wiederbelebung der
Traumdeutung mittels Symbolik, deren sich die Alten bedienten, nur daß das Gebiet, aus welchem
die Deutung geholt werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit beschränkt wird.
Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik bei der Deutung muß die Anwendbarkeit
der Schernerschen Lehre schwer beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung scheint
keineswegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein Reiz sich in mehrfachen Vertretungen im
Trauminhalt äußern kann; so hat bereits Scherners Anhänger Volkelt die Darstellung des Körpers
als Haus nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß erregen, daß hier wiederum der Seele die
Traumarbeit als nutz- und ziellose Betätigung auferlegt ist, da sich doch nach der in Rede
stehenden Lehre die Seele damit begnügt, über den sie beschäftigenden Reiz zu phantasieren,
ohne daß etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne winkte.
Von einem Einwand aber wird die Schernersche Lehre der Symbolisierung von Leibreizen durch
den Traum schwer getroffen. Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach
allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher als im Wachen. Man versteht dann
nicht, warum die Seele nicht kontinuierlich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von
allen Organen. Will man sich diesem Einwand durch die Bedingung entziehen, es müßten vom
Auge, Ohr, von den Zähnen, Därmen usw. besondere Erregungen ausgehen, um die
Traumtätigkeit zu wecken, so steht man vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als
objektiv zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich ist. Wenn der Traum
vom Fliegen eine Symbolisierung des Auf- und Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung
bedeutet, so müßte entweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit häufiger geträumt
werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit während dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist
noch ein dritter Fall möglich, der wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise besondere
Motive wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen viszeralen Sensationen Aufmerksamkeit
zuzuwenden, aber dieser Fall führt bereits über die Schernersche Theorie hinaus.
Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volkelt liegt darin, daß sie auf eine Reihe von
Charakteren des Trauminhalts aufmerksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und
neue Erkenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, daß in den Träumen
Symbolisierungen von Körperorganen und Funktionen enthalten sind, daß Wasser im Traum
häufig auf Harnreiz deutet, daß das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden Stab oder
eine Säule dargestellt werden kann usw. In Träumen, welche ein sehr bewegtes Gesichtsfeld und
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin