Seite - 512 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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überhaupt nicht reiten, träume auch sonst nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferd
gesessen und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem Traum reite ich, als
ob ich keinen Furunkel am Damm hätte, nein gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel ist
der Beschreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Einschlafen ermöglicht hat.
Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des Schlafes – so verwahrt – nichts von
meinem Leiden verspürt. Dann meldeten sich die schmerzhaften Empfindungen und wollten
mich aufwecken, da kam der Traum und sagte beschwichtigend: »Schlaf doch weiter, du wirst
doch nicht aufwachen! Du hast ja gar keinen Furunkel, denn du reitest ja auf einem Pferd, und
mit einem Furunkel an der Stelle kann man doch nicht reiten!« Und es gelang ihm so; der
Schmerz wurde übertäubt, und ich schlief weiter.
Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die hartnäckige Festhaltung einer mit
dem Leiden unverträglichen Vorstellung, den Furunkel »abzusuggerieren«, wobei er sich
benommen wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind verloren hat[88], oder des
Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen gebracht haben; sondern die Einzelheiten der
abgeleugneten Sensation und des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch als
Material, um das, was sonst in der Seele aktuell vorhanden ist, an die Situation des Traumes
anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen. Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes
entspricht genau dem pfeffer- und salzfarbigen Dreß, in dem ich dem Kollegen P. zuletzt auf dem
Lande begegnet bin. Scharfgewürzte Nahrung ist mir als die Ursache der Furunkulose
vorgehalten worden, immerhin als Ätiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei
Furunkulose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs hohe Roß zu setzen,
seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, mit der ich große Kunststücke ausgeführt hatte (ich
sitze im Traum auf dem Pferd zuerst wie ein Kunstreiter tangential), die mich aber wirklich, wie
das Roß in der Anekdote den Sonntagsreiter, geführt hat, wohin sie wollte. So kommt das Roß
zur symbolischen Bedeutung einer Patientin (es ist im Traum höchst intelligent). »Ich fühle mich
ganz heimisch oben« geht auf die Stellung, die ich in dem Hause innehatte, ehe ich durch P.
ersetzt wurde. »Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im Sattel«, hat mir mit Beziehung auf
dasselbe Haus einer meiner wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem
gesagt. Es war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht bis zehn Stunden täglich
Psychotherapie zu treiben, aber ich weiß, daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine
besonders schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der Traum ist voll düsterer
Anspielungen auf die Situation, die sich dann ergeben muß (der Zettel, wie ihn die
Neurastheniker haben und dem Arzte vorzeigen): – Nicht arbeiten und nicht essen. Bei weiterer
Deutung sehe ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von der Wunschsituation des Reitens den
Weg zu finden zu sehr frühen Kinderstreitszenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in
England lebenden, übrigens um ein Jahr älteren Neffen abgespielt haben mußten. Außerdem hat
er Elemente aus meinen Reisen in Italien aufgenommen; die Straße im Traum ist aus Eindrücken
von Verona und von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt zu sexuellen
Traumgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer Patientin, die nie in Italien war, die
Traumanspielungen an das schöne Land bedeuten sollten (gen Italien – Genitalien), nicht ohne
Anknüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P. Arzt war, und an die Stelle, an
welcher mein Furunkel sitzt.
In einem anderen Traume gelang es mir auf ähnliche Weise, eine diesmal von einer
Sinnesreizung drohende Schlafstörung abzuwehren, aber es war nur ein Zufall, der mich in den
Stand setzte, den Zusammenhang des Traumes mit dem zufälligen Traumreiz zu entdecken und
solcherart den Traum zu verstehen. Eines Morgens erwachte ich, es war im Hochsommer, in
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin