Seite - 513 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 513 -
Text der Seite - 513 -
einem tirolischen Höhenort, mit dem Wissen, geträumt zu haben: Der Papst ist gestorben. Die
Deutung dieses kurzen, nicht visuellen Traumes gelang mir nicht. Ich erinnerte mich nur der
einen Anlehnung für den Traum, daß in der Zeitung kurze Zeit vorher ein leichtes Unwohlsein Sr.
Heiligkeit gemeldet worden war. Aber im Laufe des Vormittags fragte meine Frau: »Hast du
heute morgens das fürchterliche Glockenläuten gehört?« Ich wußte nichts davon, daß ich es
gehört hatte, aber ich verstand jetzt meinen Traum. Er war die Reaktion meines
Schlafbedürfnisses auf den Lärm gewesen, durch den die frommen Tiroler mich wecken wollten.
Ich rächte mich an ihnen durch die Folgerung, die den Inhalt des Traumes bildet, und schlief nun
ganz ohne Interesse für das Geläute weiter.
Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen fänden sich bereits mehrere, die
als Beispiele für die Verarbeitung sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom
Trinken in vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Reiz anscheinend die einzige
Traumquelle, der aus der Sensation entspringende Wunsch – der Durst – das einzige
Traummotiv. Ähnlich ist es in anderen einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz für sich
allein einen Wunsch zu bilden vermag. Der Traum der Kranken, die nachts den Kühlapparat von
der Wange abwirft, zeigt eine ungewöhnliche Art, auf Schmerzensreize mit Wunscherfüllung zu
reagieren; es scheint, daß es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich analgisch zu
machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden zuschob.
Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hungertraum, aber er weiß das
Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben und
die harmlose Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt äußern darf, zu
benützen. Im Traume vom Grafen Thun konnten wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell
gegebenes körperliches Bedürfnis mit den stärksten aber auch stärkst unterdrückten Regungen
des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie in dem von Garnier berichteten
Falle, der Erste Konsul das Geräusch der explodierenden Höllenmaschine in einen
Schlachtentraum verwebt, ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar das
Bestreben, in dessen Dienst die Seelentätigkeit sich überhaupt um die Sensationen während des
Schlafes kümmert. Ein junger Advokat, der, voll von seinem ersten großen Konkurs, des
Nachmittags einschläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. Er träumt von einem
gewissen G. Reich in Hussiatyn, den er aus einem Konkurs kennt, aber Hussiatyn drängt sich
weiter gebieterisch auf; er muß erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchialkatarrh
leidet, heftig – husten.
Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein ausgezeichneter Schläfer war,
und jenen anderen des langschläfrigen Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt,
er müsse ins Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann mit der Motivierung weiterschläft:
Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht aufzustehen, um hinzugehen. Der letztere ist
ein offenbarer Bequemlichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens
unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens überhaupt auf. In
gewissem Sinne sind alle Träume – Bequemlichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf
fortzusetzen, anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes, nicht sein Störer.
Gegen die psychisch erweckenden Momente werden wir diese Auffassung an anderer Stelle
rechtfertigen; ihre Anwendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Reize können wir hier
bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt nicht um die Anlässe zu
Sensationen während des Schlafens, wenn sie dies gegen die Intensität und die von ihr
wohlverstandene Bedeutung dieser Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese
513
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin