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beobachtet zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers Gebliebenen ist
eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum Symptom erhoben worden ist, die der
Exhibitionisten.
Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rückschau später als ein Paradies, und
das Paradies selbst ist nichts anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen.
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich nicht voreinander, bis ein
Moment kommt, in dem die Scham und die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das
Geschlechtsleben und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der Traum
allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die
Eindrücke aus der ersten Kindheit (der prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten dritten
Jahr) an und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter ankäme, nach Reproduktion
verlangen, daß deren Wiederholung eine Wunscherfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also
Exhibitionsträume[93].
Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die nicht als die eines Kindes,
sondern wie in der Gegenwart gesehen wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die
Überlagerung so vieler späterer Negligéerinnerungen oder der Zensur zuliebe undeutlich ausfällt;
dazu kommen nun die Personen, vor denen man sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß die
tatsächlichen Zuschauer bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume wieder auftreten. Der
Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merkwürdigerweise werden jene Personen,
denen unser sexuelles Interesse in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des Traums, der
Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die Paranoia setzt die Zuschauer wieder ein
und schließt, obwohl sie unsichtbar geblieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre
Gegenwart. Was der Traum für sie einsetzt, »viele fremde Leute«, die sich nicht um das gebotene
Schauspiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegensatz zu jener einzelnen, wohlvertrauten
Person, der man die Entblößung bot. »Viele fremde Leute« finden sich in Träumen übrigens auch
häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten immer als Wunschgegensatz
»Geheimnis«[94]. Man merkt, wie auch die Restitution des alten Sachverhalts, die in der Paranoia
vor sich geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man ist nicht mehr allein, man wird ganz
gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind »viele, fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene
Leute«.
Außerdem kommt im Exhibitionstraum die Verdrängung zur Sprache. Die peinliche Empfindung
des Traums ist ja die Reaktion des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr
verworfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt ist. Um sie zu ersparen,
hätte die Szene nicht wieder belebt werden dürfen.
Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später nochmals handeln. Sie dient im
Traum vortrefflich dazu, den Willenskonflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten
Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur unterbrochen werden.
Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen und anderen Dichtungsstoffen sind
gewiß weder vereinzelte noch zufällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den
Umwandlungsprozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und ihn in
umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den Traum zurückgeführt. Ein Freund
macht mich auf folgende Stelle aus Gottfried Kellers Grünem Heinrich aufmerksam: »Ich
wünsche Ihnen nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin