Seite - 521 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen
erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht? Halten
wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb
ist, in der Fremde umherschweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben Kummer
und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es Ihnen des Nachts unfehlbar träumen,
daß Sie sich Ihrer Heimat nähern; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben,
holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken Sie plötzlich, daß Sie
zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie
suchen sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist, solange es
Menschen gibt, der Traum des kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat Homer jene
Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen.«
Das tiefste und ewige Wesen der Menschheit, auf dessen Erweckung der Dichter in der Regel bei
seinen Hörern baut, das sind jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch
gewordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigen und einwandfreien Wünschen
des Heimatlosen brechen im Traum die unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinderwünsche
hervor, und darum schlägt der Traum, den die Sage von der Nausikaa objektiviert, regelmäßig in
einen Angsttraum um.
Mein eigener auf S. 244 f. erwähnter Traum von dem Eilen über die Treppe, das sich bald
nachher in ein An-den-Stufen-Kleben verwandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die
wesentlichen Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kindererlebnisse
zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte einen Aufschluß darüber geben,
inwiefern das Benehmen des Dienstmädchens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich den Teppich
schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traum einnimmt. Ich kann die
gewünschten Aufklärungen nun wirklich beibringen. In einer Psychoanalyse lernt man die
zeitliche Annäherung auf sachlichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die,
anscheinend zusammenhanglos, unmittelbar aufeinander folgen, gehören zu einer Einheit, die zu
erraten ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich nebeneinander hinschreibe, als eine Silbe: ab
ausgesprochen werden sollen. Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte
Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, deren andere Glieder mir der
Deutung nach bekannt sind. Der von ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben
Zusammenhang gehören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Erinnerung an
eine Kinderfrau zugrunde, die mich von irgendeinem Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von
zweieinhalb Jahren betreut hat, von der mir auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein
geblieben ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner Mutter eingeholt habe, war sie
alt und häßlich, aber sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen
ziehen darf, hat sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung angedeihen und mich harte
Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit kein genügendes Verständnis
entgegenbrachte. Indem also das Dienstmädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich
bemüht, erwirbt sie den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im Traum
behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß das Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer
schlechten Behandlung, seine Liebe geschenkt hat[95]
(β) Die Träume vom Tod teurer Personen
Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden dürfen, sind die mit dem Inhalt, daß
ein teurer Verwandter, Eltern oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß sofort von
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin