Seite - 528 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des psychischen Apparats auf
dieselbe erregende Vorstellung. In der Verworrenheit, die ich als Überwältigung der zweiten
psychischen Instanz durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde die unbewußte
Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig; als dann die erste Beruhigung eintrat, der
Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der Zensur wiederhergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit
nur mehr das Gebiet des Träumens offen, um den Wunsch nach ihrem Tod zu verwirklichen; als
das Normale sich noch weiter gestärkt hatte, schuf es als hysterische Gegensatzreaktion und
Abwehrerscheinung die übermäßige Sorge um die Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht
mehr unerklärlich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an ihren Müttern hängen.
Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das unbewußte Seelenleben eines jungen
Mannes zu tun, der, durch Zwangsneurose fast existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen
konnte, weil ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingen, um. Er
verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi in Ordnung zu halten, falls die
Anklage wegen eines der in der Stadt vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden sollte.
Überflüssig zu bemerken, daß er ein ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch war. Die –
übrigens zur Heilung führende – Analyse deckte als die Begründung dieser peinlichen
Zwangsvorstellung Mordimpulse gegen seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er
sieben Jahre alt war, zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natürlich aus weit
früheren Kindesjahren stammten. Nach der qualvollen Krankheit und dem Tode des Vaters trat
im 31. Lebensjahre der Zwangsvorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf Fremde übertrug.
Wer imstande war, seinen eigenen Vater von einem Berggipfel in den Abgrund stoßen zu wollen,
dem ist allerdings zuzutrauen, daß er auch das Leben Fernerstehender nicht schone; der tut darum
recht daran, sich in seine Zimmer einzuschließen.
Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern im Kinderseelenleben aller
späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, und Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den
andern Teil des Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten und für
die Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Materials an psychischen Regungen. Ich
glaube aber nicht, daß die Psychoneurotiker sich hierin von anderen normal verbleibenden
Menschenkindern scharf sondern, indem sie absolut Neues und ihnen Eigentümliches zu schaffen
vermögen. Es ist bei weitem wahrscheinlicher und wird durch gelegentliche Beobachtungen an
normalen Kindern unterstützt, daß sie auch mit diesen verliebten und feindseligen Wünschen
gegen ihre Eltern uns nur durch die Vergrößerung kenntlich machen, was minder deutlich und
weniger intensiv in der Seele der meisten Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur
Unterstützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen durchgreifende und
allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche Allgemeingültigkeit der besprochenen
Voraussetzung aus der Kinderpsychologie verständlich wird.
Ich meine die Sage vom König Ödipus und das gleichnamige Drama des Sophokles. Ödipus, der
Sohn des Laïos, Königs von Theben, und der Jokaste, wird als Säugling ausgesetzt, weil ein
Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn werde sein Mörder sein. Er wird
gerettet und wächst als Königssohn an einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher,
selbst das Orakel befragt und von ihm den Rat erhält, die Heimat zu meiden, weil er der Mörder
seines Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter werden müßte. Auf dem Wege von seiner
vermeintlichen Heimat weg trifft er mit König Laïos zusammen und erschlägt ihn in rasch
entbranntem Streit. Dann kommt er vor Theben, wo er die Rätsel der den Weg sperrenden Sphinx
löst und zum Dank dafür von den Thebanern zum König gewählt und mit Jokastes Hand
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin