Seite - 533 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhandlung ein neues Heft jener Sammlung
im Liebhabereinband sehe, die ich sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien
zur Weltgeschichte, berühmte Kunststätten usw.). Die neue Sammlung nennt sich: Berühmte
Redner (oder Reden), und das Heft I derselben trägt den Namen Dr. Lecher.
In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der Ruhm Dr. Lechers, des Dauerredners
der deutschen Obstruktion im Parlamente, während meiner Träume beschäftige. Der Sachverhalt
ist der, daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur psychischen Kur aufgenommen habe und
nun zehn bis elf Stunden täglich zu sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst so ein Dauerredner.
III
Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an unserer Universität sagt: Mein Sohn,
der Myop. Dann folgt ein Dialog, aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber
dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne vorkommen, und für den latenten
Trauminhalt sind Vater und Sohn, Professor M., nur Strohmänner, die mich und meinen Ältesten
decken. Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigentümlichkeit noch weiter unten
behandeln.
IV
Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, die sich hinter zärtlicher Sorge
verbergen, gibt folgender Traum. Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im Gesicht
und hat vortretende Augen.
Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos verbleibe, weil er seit Jahren die
Gesundheit meiner Kinder überwacht, sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie
überdies zu allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können, beschenkt. Er war am
Traumtage zu Besuch, und da bemerkte meine Frau, daß er müde und abgespannt aussehe.
Nachts kommt mein Traum und leiht ihm einige der Zeichen der Basedowschen Krankheit. Wer
sich in der Traumdeutung von meinen Regeln frei macht, der wird diesen Traum so verstehen,
daß ich um die Gesundheit meines Freundes besorgt bin und daß diese Besorgnis sich im Traum
realisiert. Es wäre ein Widerspruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der Traum eine
Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß er nur egoistischen Regungen
zugänglich ist. Aber wer so deutet, möge mir erklären, warum ich bei Otto die Basedowsche
Krankheit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den leisesten Anlaß gibt?
Meine Analyse liefert hingegen folgendes Material aus einer Begebenheit, die sich vor sechs
Jahren zugetragen hat. Wir fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R. befand,
in tiefer Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden weit von unserem Sommeraufenthalt
entfernt. Der nicht ganz nüchterne Kutscher warf uns mit dem Wagen einen Abhang hinunter,
und es war noch glücklich, daß wir alle heil davonkamen. Wir waren aber genötigt, im nächsten
Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall große Sympathie für uns
erweckte. Ein Herr, der die unverkennbaren Zeichen des morbus Basedowii an sich trug –
übrigens nur Bräunung der Gesichtshaut und vortretende Augen, ganz wie im Traum, keine
Struma –, stellte sich ganz zu unserer Verfügung und fragte, was er für uns tun könne.
Professor R. in seiner bestimmten Art antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein Nachthemd
leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann ich nicht, und ging von dannen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin