Seite - 536 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ausgang widerlegt wurde. Es wäre dies ein sehr auffälliges Beispiel von Mißverständnis des
Trauminhalts durch die wache Instanz. Die als Empörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede:
Aber ich bin ja schon Doktor u.
dgl., wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum spendet und
der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor morgen; denke daran, welche Angst du vor der
Maturitätsprüfung gehabt hast, und es ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja schon
Doktor usw. Die Angst aber, die wir dem Traume anrechnen, stammte aus den Tagesresten.
Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen anstellen konnte, haben, wenngleich
sie nicht zahlreich genug waren, gut gestimmt. Ich bin z. B. als Rigorosant in gerichtlicher
Medizin durchgefallen; niemals hat dieser Gegenstand mir im Traume zu schaffen gemacht,
während ich häufig genug in Botanik, Zoologie oder Chemie geprüft wurde, in welchen Fächern
ich mit gut begründeter Angst zur Prüfung gegangen, der Strafe aber durch Gunst des Schicksals
oder des Prüfers entgangen bin. Im Gymnasialprüfungstraume werde ich regelmäßig aus
Geschichte geprüft, wo ich damals glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein
liebenswürdiger Professor – der einäugige Helfer eines anderen Traumes, vgl. S. 44 – nicht
übersehen hatte, daß auf dem Prüfungszettel, den ich ihm zurückgab, die mittlere von drei Fragen
mit dem Fingernagel durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht bestehen
solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurückgetreten war und sie später nachgetragen
hatte, dann aber bei der Offiziersprüfung durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, berichtet
mir, daß er oft genug von der ersteren, aber nie von der letzteren Prüfung träumt.
Die Prüfungsträume setzen der Deutung bereits jene Schwierigkeit entgegen, die ich vorhin als
charakteristisch für die meisten der typischen Träume angegeben habe. Das Material an
Assoziationen welches uns der Träumer zur Verfügung stellt, reicht für die Deutung nur selten
aus. Man muß sich das bessere Verständnis solcher Träume aus einer größeren Reihe von
Beispielen zusammentragen. Vor kurzem gewann ich den sicheren Eindruck, daß die Einrede: Du
bist ja schon Doktor u. dgl., nicht nur den Trost verdeckt, sondern auch einen Vorwurf andeutet.
Derselbe hätte gelautet: Du bist jetzt schon so alt, schon so weit im Leben und machst noch
immer solche Dummheiten, Kindereien. Dies Gemenge von Selbstkritik und Trost würde dem
latenten Inhalt der Prüfungsträume entsprechen. Es ist dann nicht weiter auffällig, wenn die
Vorwürfe wegen der »Dummheiten« und »Kindereien« sich in den zuletzt analysierten
Beispielen auf die Wiederholung beanständeter sexueller Akte bezogen.
W. Stekel, von dem die erste Deutung des »Maturatraumes« herrührt, vertritt die Meinung, daß er
sich regelmäßig auf sexuelle Erprobung und sexuelle Reife beziehe. Meine Erfahrung hat dies oft
bestätigen können.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin