Seite - 543 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Da sah ich einen Apfelbaum,
Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich stieg hinan.
Die Schöne
Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl’ ich mich bewegt,
Daß auch mein Garten solche trägt.
Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfelbaum und den Äpfelchen gemeint
ist. Ein schöner Busen stand auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin
meinen Träumer gefesselt hatte.
Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund anzunehmen, daß der Traum auf
einen Eindruck aus der Kindheit zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die
Amme des jetzt bald dreißigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist der Busen der Amme
tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme sowohl als die Sappho Daudets erscheinen als
Anspielung auf die vor kurzem verlassene Geliebte.
Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, und zwar ist dieser oben, er
selbst unten. Dies ist wieder eine Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat,
wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie erhalten. Der Träumer
vermied bei der Reproduktion des Trauminhaltes zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst
»parterre« gewesen. Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei uns von
einer Person, sie ist »parterre«, wenn sie Vermögen und Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher
Übertragung, wie man »heruntergekommen« gebraucht. Es muß nun einen Sinn haben, daß an
dieser Stelle im Traum etwas umgekehrt dargestellt ist. Die Umkehrung muß auch für eine andere
Beziehung zwischen Traumgedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor,
wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Traumes, wo es sich mit dem
Steigen wiederum umgekehrt verhält wie in der Sappho. Dann ergibt sich leicht, welche
Umkehrung gemeint ist: In der Sappho trägt der Mann das zu ihm in sexuellen Beziehungen
stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich also umgekehrt um ein Weib, das den
Mann trägt, und da dieser Fall sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht es sich wieder auf
die Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des Traumes trifft es also, die Sappho
und die Amme in der nämlichen Andeutung darzustellen.
Wie der Name Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung auf eine lesbische Gewohnheit
gewählt ist, so deuten die Stücke des Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt
sind, auf Phantasien sexuellen Inhalts, die den Träumer beschäftigen und als unterdrückte Gelüste
nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose stehen. Daß es Phantasien und nicht
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin