Seite - 551 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 551 -
Text der Seite - 551 -
Interessanten nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative der organischen oder der funktionellen
Schädigung durch das Weib, eigentlich durch das Sexualleben: Tabes-Paralyse oder Neurose, an
welch letztere sich die Art des Untergangs von Lassalle lockerer anreiht.
Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger Deutung ganz durchsichtigen)
Traum nicht nur wegen dieser Analogie und wegen meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine
Rolle – auch nicht wegen seiner nebenhergehenden Beziehungen zu Breslau und zur Familie
unserer dorthin verheirateten Freundin –, sondern auch wegen folgender kleinen Begebenheit, die
sich an unsere Konsultation anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die ärztliche Aufgabe
erledigt hatte, wandte sich sein Interesse persönlichen Dingen zu. »Wieviel Kinder haben Sie
jetzt?« – »Sechs.« – Eine Gebärde von Respekt und Bedenklichkeit. – »Mädel, Buben?« – »Drei
und drei, das ist mein Stolz und mein Reichtum.« »Nun geben Sie acht, mit den Mädeln geht es ja
gut, aber die Buben machen einem später Schwierigkeiten in der Erziehung.« – Ich wendete ein,
daß sie bis jetzt recht zahm geblieben sind; offenbar behagte mir diese zweite Diagnose über die
Zukunft meiner Buben ebensowenig wie die früher gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose
habe. Diese beiden Eindrücke sind also durch Kontiguität, durch das Erleben in einem Zuge
verbunden, und wenn ich die Geschichte von der Neurose in den Traum nehme, ersetze ich durch
sie die Rede über die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken
aufweist, da sie so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner Frau rührt. So findet selbst
meine Angst, daß N. mit den Bemerkungen über die Erziehungsschwierigkeiten bei den Buben
recht behalten möge, Eingang in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der Darstellung meines
Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht haben möge, verbirgt. Dieselbe Phantasie
dient unverändert der Darstellung beider gegensätzlicher Glieder der Alternative.
VI
Marcinowski: »Heute früh erlebte ich zwischen Traum und Wachen eine sehr hübsche
Wortverdichtung. Im Ablauf einer Fülle von kaum erinnerbaren Traumbruchstücken stutzte ich
gewissermaßen über ein Wort, das ich halb wie geschrieben, halb wie gedruckt vor mir sehe. Es
lautet: ›erzefilisch‹ und gehört zu einem Satz, der außerhalb jedes Zusammenhanges völlig
isoliert in mein bewußtes Erinnern hinüberglitt; er lautete: ›Das wirkt erzefilisch auf die
Geschlechtsempfindung.‹ Ich wußte sofort, daß es eigentlich ›erzieherisch‹ heißen solle,
schwankte auch einigemal hin und her, ob es nicht richtiger ›erzifilisch‹ heiße. Dabei fiel mir das
Wort Syphilis ein, und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren beginnend, den Kopf,
wie das wohl in meinen Traum hineinkäme, da ich weder persönlich noch von Berufs wegen
irgendwelche Berührungspunkte mit dieser Krankheit habe. Dann fiel mir ein ›erzehlerisch‹, das
e erklärend und zu gleicher Zeit erklärend, daß ich gestern abend von unserer ›Erzieherin‹
veranlaßt wurde, über das Problem der Prostitution zu sprechen, und ich hatte ihr dabei
tatsächlich, um ›erzieherisch‹ auf ihr nicht ganz normal entwickeltes Empfindungsleben
einzuwirken, das Buch von Hesse Über die Prostitution gegeben, nachdem ich ihr mancherlei
über das Problem erzählt hatte. Und nun wurde mir auf einmal klar, daß das Wort ›Syphilis‹ nicht
im wörtlichen Sinne zu nehmen sei, sondern für Gift stand, in Beziehung natürlich zum
Geschlechtsleben. Der Satz lautet also in der Übersetzung ganz logisch: ›Durch meine Erzählung
habe ich auf meine Erzieherin erzieherisch auf deren Empfindungsleben einwirken wollen, aber
habe die Befürchtung, daß es zu gleicher Zeit vergiftend wirken könne.‹ Erzefilisch = erzäh –
(erzieh –) (erzefilisch).«
Die Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der Paranoia bekannten, die aber auch
551
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin