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Die Darstellungsmittel des Traums
Außer den beiden Momenten der Traumverdichtung und Traumverschiebung, die wir bei der
Verwandlung des latenten Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam
aufgefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung noch zwei weiteren
Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Einfluß auf die Auswahl des in den Traum
gelangenden Materials üben. Vorher möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem
Wege haltzumachen scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge bei der Ausführung der
Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir nicht, daß es am ehesten gelingen würde, dieselben
klarzustellen und ihre Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen einzelnen
Traum zum Muster nehme, seine Deutung entwickle, wie ich es in Abschnitt II bei dem Traum
von Irmas Injektion gezeigt habe, dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt habe,
zusammenstelle und nun die Bildung des Traums aus ihnen rekonstruiere, also die Analyse der
Träume durch eine Synthese derselben ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu
meiner eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, weil mannigfache
und von jedem billig Denkenden gutzuheißende Rücksichten auf das psychische Material zu
dieser Demonstration mich daran verhindern. Bei der Analyse der Träume störten diese
Rücksichten weniger, denn die Analyse durfte unvollständig sein und behielt ihren Wert, wenn
sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte. Von der Synthese wüßte ich
es nicht anders, als daß sie, um zu überzeugen, vollständig sein muß. Eine vollständige Synthese
könnte ich nur von Träumen solcher Personen geben, die dem lesenden Publikum unbekannt
sind. Da aber nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die Mittel bieten, so muß dies Stück
Darstellung des Traums einen Aufschub erfahren, bis ich – an anderer Stelle – die psychologische
Aufklärung der Neurosen so weit führen kann, daß der Anschluß an unser Thema herzustellen
ist[122].
Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken synthetisch herzustellen, weiß ich, daß
das bei der Deutung sich ergebende Material von verschiedenartigem Wert ist. Den einen Teil
desselben bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum voll ersetzen und allein
zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es für den Traum keine Zensur gäbe. Dem anderen
Teil ist man gewohnt, geringe Bedeutung zuzuschreiben. Man legt auch keinen Wert auf die
Behauptung, daß alle diese Gedanken an der Traumbildung beteiligt gewesen seien, vielmehr
können sich Einfälle unter ihnen finden, welche an Erlebnisse nach dem Traume, zwischen den
Zeitpunkten des Träumens und des Deutens, anknüpfen. Dieser Anteil umfaßt alle die
Verbindungswege, die vom manifesten Trauminhalt bis zu den latenten Traumgedanken geführt
haben, aber ebenso die vermittelnden und annähernden Assoziationen, durch welche man
während der Deutungsarbeit zur Kenntnis dieser Verbindungswege gekommen ist.
Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen Traumgedanken. Diese
enthüllen sich zumeist als ein Komplex von Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten
Aufbau mit allen Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedankengänge. Nicht
selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem Zentrum ausgehen, aber der
Berührungspunkte nicht entbehren; fast regelmäßig steht neben einem Gedankengang sein
kontradiktorisches Widerspiel, durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden.
Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natürlich in den mannigfaltigsten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin