Seite - 561 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, wie der Engel einen Lilienstengel auf den
Bildern von Maria Verkündigung (sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt und wie die
weißgekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, während die Straßen mit
grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der blühende Zweig im Traume ganz gewiß eine
Anspielung auf sexuelle Unschuld. Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, von denen
jede einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende ihres Weges, heißt es im Traum weiter, sind die
Blüten schon ziemlich abgefallen; dann folgen unverkennbare Anspielungen auf die Periode.
Somit ist der nämliche Zweig, der getragen wird wie eine Lilie und wie von einem unschuldigen
Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die Kameliendame, die, wie bekannt, stets eine weiße
Kamelie trug, zur Zeit der Periode aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig (»des Mädchens
Blüten« in den Liedern von der Müllerin bei Goethe) stellt die sexuelle Unschuld dar und auch
ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen,
unbefleckt durchs Leben zu gehen, läßt an einigen Stellen (wie an der vom Abfallen der Blüten)
den gegensätzlichen Gedankengang durchschimmern, daß sie sich verschiedene Sünden gegen
die sexuelle Reinheit habe zuschulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich). Wir können bei
der Analyse des Traums deutlich die beiden Gedankengänge unterscheiden, von denen der
tröstliche oberflächlich, der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, die einander schnurstracks
zuwiderlaufen und deren gleiche aber gegenteilige Elemente durch die nämlichen Traumelemente
Darstellung gefunden haben.
Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Mechanismus der Traumbildung im
höchsten Ausmaße zugute. Es ist dies die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung,
Berührung, das »Gleichwie«, die im Traume wie keine andere mit mannigfachen Mitteln
dargestellt werden kann[124]. Die im Traummaterial vorhandenen Deckungen oder Fälle von
»Gleichwie« sind ja die ersten Stützpunkte der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches
Stück der Traumarbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die vorhandenen
der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum gelangen können. Das Verdichtungsbestreben
der Traumarbeit kommt der Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe.
Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird vom Traum ganz allgemein dargestellt durch
Zusammenziehung zu einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefunden oder
neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als Identifizierung, den zweiten als Mischbildung
benennen. Die Identifizierung kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; die
Mischbildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch werden Mischbildungen auch
von Personen hergestellt, Örtlichkeiten werden oft wie Personen behandelt.
Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein Gemeinsames verknüpften Personen
im Trauminhalt zur Darstellung gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den
Traum unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im Traum in alle die
Beziehungen und Situationen ein, welche sich von ihr oder von den gedeckten Personen ableiten.
Bei der Mischbildung, die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die den
Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden, so daß durch die Vereinigung
dieser Züge eine neue Einheit, eine Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann
auf verschiedenen Wegen zustande gebracht werden. Entweder die Traumperson hat von der
einen ihrer Beziehungspersonen den Namen – wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im
Wachen ganz analog ist, daß diese oder jene Person gemeint ist –, während die visuellen Züge
der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist aus visuellen Zügen, die sich in
Wirklichkeit auf beide verteilen, zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin