Seite - 563 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Gelegenheit hatte. Im Onkeltraum ist diese Vertauschung zum Mittelpunkt des Traums gemacht;
ich identifiziere mich mit dem Minister, indem ich meine Kollegen nicht besser als er behandle
und beurteile.
Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden habe, daß jeder Traum die eigene
Person behandelt. Träume sind absolut egoistisch[125]. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich,
sondern nur eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein Ich durch
Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf mein Ich ergänzen. Andere Male, wo
mein Ich im Traum erscheint, lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, daß hinter dem Ich
eine andere Person sich durch Identifizierung verbirgt. Der Traum soll mich dann mahnen, in der
Traumdeutung etwas, was dieser Person anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu
übertragen. Es gibt auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt, die sich
durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich enthüllen. Ich soll dann mit meinem Ich
vermittels dieser Identifizierungen gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme
sich die Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traum mehrfach darstellen, das
eine Mal direkt, das andere Mal vermittels der Identifizierung mit fremden Personen. Mit
mehreren solchen Identifizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial
verdichten[126]. Daß das eigene Ich in einem Traume mehrmals vorkommt oder in verschiedenen
Gestaltungen auftritt, ist im Grunde nicht verwunderlicher, als daß es in einem bewußten
Gedanken mehrmals und an verschiedenen Stellen oder in anderen Beziehungen enthalten ist,
z. B. im Satze: Wenn ich daran denke, was für gesundes Kind ich war.
Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auflösung der Identifizierungen bei mit
Eigennamen bezeichneten Örtlichkeiten, da hier die Störung durch das im Traume übermächtige
Ich entfällt. In einem meiner Romträume (S. 206 f.) heißt der Ort, an dem ich mich befinde, Rom;
ich erstaune aber über die Menge von deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine
Wunscherfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag aus einer heute
überwundenen deutschnationalen Periode der Jugendzeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte,
war in Prag ein Zusammentreffen mit meinem Freunde in Aussicht genommen; die
Identifizierung von Rom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte Gemeinsamkeit; ich
möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als in Prag, für diese Zusammenkunft Prag und Rom
vertauschen.
Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter den Zügen, welche den
Träumen so oft ein phantastisches Gepräge verleihen, indem durch sie Elemente in den
Trauminhalt eingeführt werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten.
Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar der nämliche, wie wenn
wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen uns vorstellen oder nachbilden. Der Unterschied
liegt nur darin, daß bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Eindruck des
Neugebildes selbst das Maßgebende ist, während die Mischbildung des Traumes durch ein
Moment, welches außerhalb ihrer Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken,
determiniert wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfacher Weise ausgeführt
werden. In der kunstlosesten Ausführung werden nur die Eigenschaften des einen Dinges
dargestellt, und diese Darstellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes
Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen wie des anderen Objektes zu
einem neuen Bilde und bedient sich dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen
Ähnlichkeiten zwischen beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd ausfallen oder
selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem Material und Witz bei der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin