Seite - 568 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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des Traumes oder des Träumern wird in ganz überraschender Häufigkeit zur Darstellung des
verdeckten Inhaltes verwendet.
Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu demselben, dienen oft dazu, ein
Stück des Geträumten in der raffiniertesten Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich
verraten. So z.
B. wenn ein Träumer äußert: Hier ist der Traum verwischt, und die Analyse eine
infantile Reminiszenz an das Belauschen einer Person ergibt, die sich nach der Defäkation
reinigt. Oder in einem anderen Falle, der ausführliche Mitteilung verdient: Ein junger Mann hat
einen sehr deutlichen Traum, der ihn an bewußtgebliebene Phantasien seiner Knabenjahre mahnt:
Er befindet sich abends in einem Sommerhotel, irrt sich in der Zimmernummer und kommt in
einen Raum, in dem sich eine ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, um zu Bette zu
gehen. Er setzt fort: Dann sind einige Lücken im Traum, da fehlt etwas, und am Ende war ein
Mann im Zimmer, der mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen mußte. Er bemüht sich
vergebens, den Inhalt und die Absicht jener knabenhaften Phantasie zu erinnern, auf die der
Traum offenbar anspielt. Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt durch die
Äußerung über die undeutliche Stelle des Traumes bereits gegeben ist. Die »Lücken« sind die
Genitalöffnungen der zu Bette gehenden Frauen: »da fehlt etwas« beschreibt den Hauptcharakter
des weiblichen Genitales. Er brannte in jenen jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weibliches
Genitale zu sehen, und war noch geneigt, an der infantilen Sexualtheorie, die dem Weibe ein
männliches Glied zuschreibt, festzuhalten.
In ganz ähnlicher Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz eines anderen Träumers ein. Er
träumt: Ich gehe mit Frl. K. in das Volksgartenrestaurant…, dann kommt eine dunkle Stelle, eine
Unterbrechung…, dann befinde ich mich in einem Bordellsalon, in dem ich zwei oder drei
Frauen sehe, eine in Hemd und Höschen.
analyse: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie er selbst zugibt, ein Schwesterersatz.
Er hatte nur selten Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung zwischen
ihnen vor, in der »man sich gleichsam in seiner Geschlechtlichkeit erkannte, als ob man sagen
würde: Ich bin ein Mann und du ein Weib«. Im angegebenen Restaurant war er nur einmal in
Begleitung der Schwester seines Schwagers, eines Mädchens, das ihm vollkommen gleichgültig
war. Ein andermal begleitete er eine Gesellschaft von drei Damen bis zum Eingange in dieses
Restaurant. Die Damen waren seine Schwester, seine Schwägerin und die bereits erwähnte
Schwester seines Schwagers, alle drei ihm höchst gleichgültig, aber alle drei der Schwesterreihe
angehörig. Ein Bordell hat er nur selten besucht, vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben.
Die Deutung stützte sich auf die »dunkle Stelle«, »Unterbrechung« im Traume und behauptete,
daß er in knabenhafter Wißbegierde einigemal, allerdings nur selten, das Genitale seiner um
einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage später stellte sich die bewußte
Erinnerung an die vom Traume angedeutete Untat ein.
Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem nämlichen Ganzen; ihre
Sonderung in mehrere Stücke, deren Gruppierung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als
ein Stück Mitteilung aus den latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. Bei der Deutung von
Träumen, die aus mehreren Hauptstücken bestehen, oder überhaupt solchen, die derselben Nacht
angehören, darf man auch an die Möglichkeit nicht vergessen, daß diese verschiedenen und
aufeinanderfolgenden Träume dasselbe bedeuten, die nämlichen Regungen in verschiedenem
Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich vorangehende dieser homologen Träume ist dann
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin