Seite - 569 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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häufig der entstelltere, schüchterne, der nachfolgende ist dreister und deutlicher.
Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von den Kühen, den Josef deutete, war
von dieser Art. Er findet sich bei Josephus (Jüdische Altertümer, Buch II, Kapitel 5) ausführlicher
als in der Bibel berichtet. Nachdem der König den ersten Traum erzählt hat, sagt er: »Nach
diesem ersten Traumgesicht wachte ich beunruhigt auf und dachte nach, was dasselbe wohl
bedeuten möge, schlief jedoch hierüber allmählich wieder ein und hatte nun einen noch viel
seltsameren Traum, der mich noch mehr in Furcht und Verwirrung gesetzt hat.« Nach Anhören
der Traumerzählung sagt Josef: »Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach wohl ein
zweifacher, allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung.«
Jung, der in seinem ›Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes‹ (1910 b) erzählt, wie der versteckt
erotische Traum eines Schulmädchens von ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in
Abänderungen weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen, »daß der
Schlußgedanke einer langen Reihe von Traumbildern genau das enthält, was schon im ersten Bild
der Serie darzustellen versucht worden war. Die Zensur schiebt den Komplex so lange wie
möglich weg durch immer wieder erneute symbolische Verdeckungen, Verschiebungen,
Wendungen ins Harmlose usw.« (Ibid., 87.) Scherner hat diese Eigentümlichkeit der
Traumdarstellung gut gekannt und beschreibt sie im Anschluß an seine Lehre von den
Organreizen als ein besonderes Gesetz (1861, 166): »Endlich aber beobachtet die Phantasie in
allen von bestimmten Nervenreizen ausgehenden symbolischen Traumbildungen das
gemeingültige Gesetz, daß sie bei Beginn des Traumes nur in den fernsten und freiesten
Andeutungen des Reizobjektes malt, am Schlusse aber, wo der malerische Erguß sich erschöpft
hatte, den Reiz selbst, respektive sein betreffendes Organ oder dessen Funktion in Nacktheit
hinstellt, womit der Traum, seinen organischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht…«
Eine schöne Bestätigung dieses Schernerschen Gesetzes hat Otto Rank in seiner Arbeit: ›Ein
Traum, der sich selbst deutet‹, geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens
setzte sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zusammen, von denen der
zweite mit einer Pollution abschloß. Dieser Pollutionstraum gestattete eine bis ins einzelne
durchgeführte Deutung unter weitgehendem Verzicht auf die Beiträge der Träumerin, und die
Fülle der Beziehungen zwischen den beiden Trauminhalten ermöglichte es zu erkennen, daß der
erste Traum in schüchterner Darstellung dasselbe zum Ausdruck brachte wie der zweite, so daß
dieser, der Pollutionstraum, zur vollen Aufklärung des ersteren verholfen hatte. Rank erörtert von
diesem Beispiele aus mit gutem Recht die Bedeutung der Pollutionsträume für die Theorie des
Träumens überhaupt.
In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traums auf Sicherheit oder Zweifel im
Traummaterial umdeuten zu können, kommt man aber nach meiner Erfahrung nur in wenigen
Fällen. Ich werde späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der Traumbildung aufzudecken
haben, von dessen Einwirkung diese Qualitätenskala des Traumes wesentlich abhängt.
In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation und Szenerie festhalten, kommen
Unterbrechungen vor, die mit folgenden Worten beschrieben werden: »Es ist dann aber, als wäre
es gleichzeitig ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes.« Was in solcher Weise die
Haupthandlung des Traumes unterbricht, die nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann,
das stellt sich im Traummaterial als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke heraus. Die
Kondition in den Traumgedanken wird im Traum durch Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn –
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin