Seite - 570 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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wann).
Was bedeutet die so häufig im Traum erscheinende Sensation der gehemmten Bewegung, die so
nahe an Angst streift? Man will gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas verrichten und
stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in Bewegung setzen, und man
kann ihn nicht erreichen; man hebt die Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt
usw. Wir sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitionsträumen begegnet, haben
ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht. Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten,
im Schlaf bestehe motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation bemerkbar macht.
Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht beständig von solchen gehemmten
Bewegungen?, und wir dürfen erwarten, daß diese im Schlaf jederzeit hervorzurufende Sensation
irgendwelchen Zwecken der Darstellung diene und nur durch das im Traummaterial gegebene
Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt werde.
Das Nichts-zustande-Bringen tritt im Traum nicht immer als Sensation, sondern auch einfach als
Stück des Trauminhalts auf. Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die
Bedeutung dieses Traumrequisits aufzuklären. Ich werde verkürzt einen Traum mitteilen, in dem
ich der Unredlichkeit beschuldigt erscheine. Die Örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer
Privatheilanstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein Diener erscheint, um mich zu einer
Untersuchung zu rufen. Im Traum weiß ich, daß etwas vermißt wird und daß die Untersuchung
wegen des Verdachts erfolgt, daß ich mir das Verlorene angeeignet. Die Analyse zeigt, daß
Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärztliche Untersuchung mit einschließt. Im
Bewußtsein meiner Unschuld und meiner Konsiliarfunktion in diesem Hause gehe ich ruhig mit
dem Diener. An einer Türe empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf mich deutend: Den
haben Sie mitgebracht, der ist ja ein anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener in einen
großen Saal, in dem Maschinen stehen, der mich an ein Inferno mit seinen höllischen
Strafaufgaben erinnert. An einem Apparat sehe ich einen Kollegen eingespannt, der allen Grund
hätte, sich um mich zu bekümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt dann, daß ich jetzt
gehen kann. Da finde ich meinen Hut nicht und kann doch nicht gehen.
Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traums, daß ich als ehrlicher Mann anerkannt werde und
gehen darf; in den Traumgedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, das den
Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen meiner Absolution; wenn also
der Traum am Ende ein Ereignis bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu
schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des Widerspruchs sich zur Geltung
bringt. Daß ich den Hut nicht finde, bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das
Nicht-zustande-Bringen des Traums ist ein Ausdruck des Widerspruches, ein »Nein«, wonach
also die frühere Behauptung zu korrigieren ist, daß der Traum das Nein nicht auszudrücken
vermag[130].
In anderen Träumen, welche das Nicht-zustande-Kommen der Bewegung nicht bloß als Situation,
sondern als Sensation enthalten, ist derselbe Widerspruch durch die Sensation der
Bewegungshemmung kräftiger ausgedrückt, als ein Wille, dem ein Gegenwille sich widersetzt.
Die Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen Willenskonflikt dar. Wir werden später
hören, daß gerade die motorische Lähmung im Schlaf zu den fundamentalen Bedingungen des
psychischen Vorgangs während des Träumens gehört. Der auf die motorischen Bahnen
übertragene Impuls ist nun nichts anderes als der Wille, und daß wir sicher sind, im Schlaf diesen
Impuls als gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus geeignet zur
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin