Seite - 573 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wege, indem sie eine Wortfügung finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der
Traumgedanken Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der Traumarbeit
dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle, welche dem Worte bei der Traumbildung
zufällt, nicht wundern. Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozusagen
eine prädestinierte Vieldeutigkeit, und die Neurosen (Zwangsvorstellungen, Phobien) benützen
die Vorteile, die das Wort so zur Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut
wie der Traum[132]. Daß die Traumentstellung bei der Verschiebung des Ausdrucks mitprofitiert,
ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger
gesetzt wird, und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine bildliche hält
unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals aussagt, ob die von ihm gebrachten
Elemente wörtlich oder im übertragenen Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung
eingeschobener Redensarten auf das Traummaterial bezogen werden sollen. Es ist im
allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements zweifelhaft, ob es:
im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegensatzrelation);
historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);
symbolisch, oder ob
seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll.
Trotz dieser Vielseitigkeit darf man sagen, daß die Darstellung der Traumarbeit, die ja nicht
beabsichtigt, verstanden zu werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet als
etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.
Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit des Ausdrucks
zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere angeführt (»Der Mund geht gut auf« im
Injektionstraum; »Ich kann doch nicht gehen« im letzten Traum, S. 332, usw.). Ich werde nun
einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des abstrakten Gedankens eine
größere Rolle spielt. Der Unterschied solcher Traumdeutung von der Deutung mittels Symbolik
läßt sich noch immer scharf bestimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel
der Symbolisierung vom Traumdeuter willkürlich gewählt; in unseren Fällen von sprachlicher
Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein bekannt und durch feststehende Sprachübungen
gegeben. Verfügt man über den richtigen Einfall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume
dieser Art auch unabhängig von den Angaben des Träumers ganz oder stückweise auflösen.
Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in der Oper. Es ist eine
Wagner-Vorstellung, die bis ¾ 8 Uhr morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre stehen
Tische, an denen gespeist und getrunken wird. Ihr eben von der Hochzeitsreise heimgekehrter
Vetter sitzt an einem solchen Tische mit seiner jungen Frau; neben ihnen ein Aristokrat. Von
diesem heißt es, die junge Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht, ganz offen,
etwa wie man einen Hut von der Hochzeitsreise mitbringt. Inmitten des Parketts befindet sich ein
hoher Turm, der oben eine Plattform trägt, die von einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch
oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters; er läuft beständig hinter seinem Gitter
herum, schwitzt furchtbar und leitet von diesem Posten aus das unten um die Basis des Turms
angeordnete Orchester. Sie selbst sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer Loge. Ihre
jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett ein großes Stück Kohle hinaufreichen mit der
Motivierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange dauern werde, und müsse jetzt wohl
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin