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Teil dieser Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, den Sagen und
Volksgebräuchen gemeinsam.
Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die Traumarbeit mit dieser Art von
Ersetzung überhaupt nichts Originelles leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der
zensurfreien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im unbewußten Denken
bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Umwandlungen des verdrängten Materials, die als
Witz und Anspielung auch bewußtwerden dürfen und mit denen alle Phantasien der Neurotiker
erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Verständnis für die Traumdeutungen Scherners,
deren richtigen Kern ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die Phantasiebeschäftigung mit dem
eigenen Körper ist keineswegs dem Traume allein eigentümlich oder für ihn charakteristisch.
Meine Analysen haben mir gezeigt, daß sie im unbewußten Denken der Neurotiker ein
regelmäßiges Vorkommnis ist und auf sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegenstand die
Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechts für den heranwachsenden
Jüngling oder für die Jungfrau werden. Wie aber Scherner und Volkelt ganz zutreffend
hervorheben, ist das Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung der
Leiblichkeit verwendet wird – im Traume so wenig wie im unbewußten Phantasieren der
Neurose. Ich kenne Patienten, die allerdings die architektonische Symbolik des Körpers und der
Genitalien (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das Gebiet der äußeren Genitalien hinaus)
beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Beine bedeuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor
an eine der Körperöffnungen (»Loch«), die jede Wasserleitung an den Harnapparat denken läßt
usw. Aber ebenso gerne wird der Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder der Küche zum
Versteck sexueller Bilder gewählt[135]; im ersteren Falle hat der Sprachgebrauch, der
Niederschlag von Phantasievergleichungen ältester Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der
»Weinberg« des Herrn, der »Samen«, der »Garten« des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar
harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen der Küche lassen sich die häßlichsten wie die
intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken und träumen, und die Symptomatik der Hysterie
wird geradezu undeutbar, wenn man vergißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem Alltäglichen
und Unauffälligen als seinem besten Versteck verbergen kann. Es hat seinen guten sexuellen
Sinn, wenn neurotische Kinder kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und
Nudeln erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlange beim Neurotiker
eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und überall, wo die Neurose sich solcher Verhüllung
bedient, wandelt sie die Wege, die einst in alten Kulturperioden die ganze Menschheit begangen
hat und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute noch Sprachgebrauch, Aberglaube
und Sitte Zeugnis ablegen.
Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin ein, in dem ich alles, was sexuell
zu deuten ist, unterstreiche. Der schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht
mehr gefallen.
a) vortraum: Sie geht in die Küche zu den beiden Mädchen und tadelt sie, daß sie nicht fertig
werden »mit dem bissel Essen«, und sieht dabei soviel umgestürztes Geschirr zum Abtropfen
stehen, grobes Geschirr in Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die beiden Mädchen
gehen Wasser holen und müssen dabei wie in einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder in den
Hof reicht[136].
b) haupttraum:[137] Sie steigt von hoch herab[138] über eigentümliche Geländer oder Zäune, die zu
großen Carreaus vereinigt sind und aus Flechtwerk von kleinen Quadraten bestehen[139]. Es ist
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin