Seite - 577 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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eigentlich nicht zum Steigen eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für den Fuß findet,
und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängenbleibt, daß sie im Gehen so anständig
bleibt[140]. Dabei trägt sie einen großen Ast in der Hand[141], eigentlich wie einen Baum, der dick
mit roten Blüten besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet[142]. Dabei ist die Idee Kirschblüten, sie
sehen aber auch aus wie gefüllte Kamelien, die freilich nicht auf Bäumen wachsen. Während des
Herabgehens hat sie zuerst einen, dann plötzlich zwei, später wieder einen[143]. Wie sie unten
anlangt, sind die unteren Blüten schon ziemlich abgefallen. Sie sieht dann, unten angelangt,
einen Hausknecht, der einen ebensolchen Baum, sie möchte sagen – kämmt, d. h. mit einem Holz
dicke Haarbüschel, die wie Moos von ihm herabhängen, rauft. Andere Arbeiter haben solche
Äste aus einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen, wo sie herumliegen, so daß viele
Leute sich davon nehmen. Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen nehmen
kann[144]. Im Garten steht ein junger Mann (von ihr bekannter Persönlichkeit, ein Fremder), auf
den sie zugeht, um ihn zu fragen, wie man solche Äste in ihren eigenen Garten umsetzen
könne[145]. Er umfängt sie, worauf sie sich sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob man sie
denn so umfangen darf. Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist erlaubt[146]. Er erklärt sich dann
bereit, mit ihr in den anderen Garten zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen, und sagt ihr
etwas, was sie nicht recht versteht: Es fehlen mir ohnedies drei Meter – (später sagt sie:
Quadratmeter) oder drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für seine Bereitwilligkeit etwas von ihr
verlangen würde, als ob er die Absicht hätte, sich in ihrem Garten zu entschädigen, oder als
wollte er irgendein Gesetz betrügen, einen Vorteil davon haben, ohne daß sie einen Schaden hat.
Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht.
Der vorstehende, wegen seiner symbolischen Elemente hervorgehobene Traum ist ein
»biographischer« zu nennen. Solche Träume kommen in den Psychoanalysen häufig vor, aber
vielleicht nur selten außerhalb derselben[147].
Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber dessen Mitteilung würde zu tief in
die Erörterung neurotischer Verhältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man
keine besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit anzunehmen braucht,
sondern daß der Traum sich solcher Symbolisierungen, welche im unbewußten Denken bereits
fertig enthalten sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch wegen ihrer
Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung besser genügen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin