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Die Darstellung durch Symbole im Traume
Weitere typische Träume
Die Analyse des letzten biographischen Traums steht als Beweis dafür, daß ich die Symbolik im
Traume von Anfang an erkannt habe. Zur vollen Würdigung ihres Umfangs und ihrer Bedeutung
gelangte ich aber erst allmählich durch vermehrte Erfahrung und unter dem Einfluß der Arbeiten
W. Stekels (1911), über die eine Äußerung hier am Platze ist.
Dieser Autor, der der Psychoanalyse vielleicht ebensoviel geschadet als genützt hat, brachte eine
große Anzahl von unvermuteten Symbolübersetzungen vor, die anfänglich nicht geglaubt
wurden, später aber größtenteils Bestätigung fanden und angenommen werden mußten. Stekels
Verdienst wird durch die Bemerkung nicht geschmälert, daß die skeptische Zurückhaltung der
anderen nicht ungerechtfertigt war. Denn die Beispiele, auf welche er seine Deutungen stützte,
waren häufig nicht überzeugend, und er hatte sich einer Methode bedient, die als wissenschaftlich
unzuverlässig zu verwerfen ist. Stekel fand seine Symboldeutungen auf dem Wege der Intuition,
kraft eines ihm eigenen Vermögens, die Symbole unmittelbar zu verstehen. Eine solche Kunst ist
aber nicht allgemein vorauszusetzen, ihre Leistungsfähigkeit ist jeder Kritik entzogen, und ihre
Ergebnisse haben daher auf Glaubwürdigkeit keinen Anspruch. Es ist ähnlich, als wollte man die
Diagnose der Infektionskrankheiten auf die Geruchseindrücke am Krankenbette gründen, obwohl
es unzweifelhaft Kliniker gab, denen der bei den meisten verkümmerte Geruchssinn mehr leistete
als anderen und die wirklich imstande waren, einen Abdominaltyphus nach dem Geruch zu
diagnostizieren.
Die fortschreitende Erfahrung der Psychoanalyse hat uns Patienten auffinden lassen, die ein
solches unmittelbares Verständnis der Traumsymbolik in überraschender Weise an den Tag
legten. Häufig waren es an Dementia praecox Leidende, so daß eine Zeitlang die Neigung
bestand, alle Träumer mit solchem Symbolverständnis dieser Affektion zu verdächtigen. Allein
das trifft nicht zu, es handelt sich um eine persönliche Begabung oder Eigentümlichkeit ohne
ersichtliche pathologische Bedeutung.
Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik für die Darstellung sexuellen
Materials im Traume vertraut gemacht hat, muß man sich die Frage vorlegen, ob nicht viele
dieser Symbole wie die »Sigel« der Stenographie mit ein für allemal festgelegter Bedeutung
auftreten, und sieht sich vor der Versuchung, ein neues Traumbuch nach der Chiffriermethode zu
entwerfen. Dazu ist zu bemerken: Diese Symbolik gehört nicht dem Traume zu eigen an, sondern
dem unbewußten Vorstellen, speziell des Volkes, und ist im Folklore, in den Mythen, Sagen,
Redensarten, in der Spruchweisheit und in den umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger
als im Traume aufzufinden.
Wir müßten also die Aufgabe der Traumdeutung weit überschreiten, wenn wir der Bedeutung des
Symbols gerecht werden und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme erörtern
wollten, welche sich an den Begriff des Symbols knüpfen[148]. Wir wollen uns hier darauf
beschränken zu sagen, daß die Darstellung durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen
gehört, daß wir aber durch allerlei Anzeichen gewarnt werden, die Symboldarstellung
unterschiedslos mit den anderen Arten indirekter Darstellung zusammenzuwerfen, ohne noch
diese unterscheidenden Merkmale in begrifflicher Klarheit erfassen zu können. In einer Reihe
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin