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von Fällen ist das Gemeinsame zwischen dem Symbol und dem Eigentlichen, für welches es
eintritt, offenkundig, in anderen ist es versteckt; die Wahl des Symbols erscheint dann rätselhaft.
Gerade diese Fälle müssen auf den letzten Sinn der Symbolbeziehung Licht werfen können; sie
weisen darauf hin, daß dieselbe genetischer Natur ist. Was heute symbolisch verbunden ist, war
wahrscheinlich in Urzeiten durch begriffliche und sprachliche Identität vereint[149]. Die
Symbolbeziehung scheint ein Rest und Merkzeichen einstiger Identität. Dabei kann man
beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in einer Anzahl von Fällen über die
Sprachgemeinschaft hinausreicht, wie bereits Schubert (1814) behauptet hat[150]. Eine Anzahl von
Symbolen ist so alt wie die Sprachbildung überhaupt, andere werden aber in der Gegenwart
fortlaufend neu gebildet (z. B. das Luftschiff, der Zeppelin).
Der Traum bedient sich nun dieser Symbolik zur verkleideten Darstellung seiner latenten
Gedanken. Unter den so verwendeten Symbolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder
fast regelmäßig das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der eigentümlichen Plastizität des
psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein Symbol kann oft genug im Trauminhalt nicht
symbolisch, sondern in seinem eigentlichen Sinne zu deuten sein; andere Male kann ein Träumer
sich aus speziellem Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, alles mögliche als Sexualsymbol zu
verwenden, was nicht allgemein so verwendet wird. Wo ihm zur Darstellung eines Inhalts
mehrere Symbole zur Auswahl bereitstehen, wird er sich für jenes Symbol entscheiden, das
überdies noch Sachbeziehungen zu seinem sonstigen Gedankenmaterial aufweist, also eine
individuelle Motivierung neben der typisch gültigen gestattet.
Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit Scherner die Anerkennung der
Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben – selbst H. Ellis bekennt sich dazu, es sei ein
Zweifel nicht möglich, daß unsere Träume von Symbolik erfüllt seien –, so ist doch zuzugeben,
daß die Aufgabe einer Traumdeutung durch die Existenz der Symbole im Traume nicht nur
erleichtert, sondern auch erschwert wird. Die Technik der Deutung nach den freien Einfällen des
Träumers läßt uns für die symbolischen Elemente des Trauminhaltes meist im Stich; eine
Rückkehr zur Willkür des Traumdeuters, wie sie im Altertum geübt wurde und in den
verwilderten Deutungen von Stekel wieder aufzuleben scheint, ist aus Motiven wissenschaftlicher
Kritik ausgeschlossen. Somit nötigen uns die im Trauminhalt vorhandenen, symbolisch
aufzufassenden Elemente zu einer kombinierten Technik, welche sich einerseits auf die
Assoziationen des Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem Symbolverständnis des
Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der Symbole und sorgfältiges Studium
derselben an besonders durchsichtigen Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den
Vorwurf der Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften. Die Unsicherheiten, die unserer
Tätigkeit als Deuter des Traumes noch anhaften, rühren zum Teil von unserer unvollkommenen
Erkenntnis her, die durch weitere Vertiefung fortschreitend gehoben werden kann, zum anderen
Teil hängen sie gerade von gewissen Eigenschaften der Traumsymbole ab. Dieselben sind oft
viel- und mehrdeutig, so daß, wie in der chinesischen Schrift, erst der Zusammenhang die
jedesmal richtige Auffassung ermöglicht. Mit dieser Vieldeutigkeit der Symbole verbindet sich
dann die Eignung des Traumes, Überdeutungen zuzulassen, in einem Inhalt verschiedene, oft
ihrer Natur nach sehr abweichende Gedankenbildungen und Wunschregungen darzustellen.
Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich an: Der Kaiser und die Kaiserin
(König und Königin) stellen wirklich zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin
ist er selbst. Dieselbe hohe Autorität wie dem Kaiser wird aber auch großen Männern
zugestanden, darum erscheint in manchen Träumen z.
B. Goethe als Vatersymbol. (Hitschmann.)
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin