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zugleich gebraucht werden könnte!« Der eingeschobene Satz nimmt allerdings viel von der
Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn die Phantasie erlaubt es eben nicht immer. Ich halte es
aber doch für nicht überflüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der allgemeine
Satz Stekels vor der Anerkennung einer größeren Mannigfaltigkeit zurückzutreten hat. Außer
Symbolen, die ebenso häufig für das männliche wie für das weibliche Genitale stehen, gibt es
solche, die vorwiegend oder fast ausschließlich eines der Geschlechter bezeichnen, und noch
andere, von denen nur die männliche oder nur die weibliche Bedeutung bekannt ist. Lange, feste
Gegenstände und Waffen als Symbole des weiblichen Genitales zu gebrauchen oder hohle
(Kasten, Schachteln, Dosen usw.) als Symbole des männlichen, gestattet eben die Phantasie nicht.
Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten Phantasien, die Sexualsymbole
bisexuell zu verwenden, einen archaischen Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der
Genitalien unbekannt ist und beiden Geschlechtern das nämliche Genitale zugesprochen wird.
Man kann aber auch zur irrigen Annahme eines bisexuellen Sexualsymbols verleitet werden,
wenn man daran vergißt, daß in manchen Träumen eine allgemeine Geschlechtsverkehrung
vorgenommen wird, so daß das Männliche durch Weibliches dargestellt wird und umgekehrt.
Solche Träume drücken z. B. den Wunsch einer Frau aus, lieber ein Mann zu sein.
Die Genitalien können auch im Traum durch andere Körperteile vertreten werden, das männliche
Glied durch die Hand oder den Fuß, die weibliche Genitalöffnung durch den Mund, das Ohr,
selbst das Auge. Die Sekrete des menschlichen Körpers – Schleim, Tränen, Harn, Sperma usw. –
können im Traum füreinander gesetzt werden. Diese im ganzen richtige Aufstellung von
W. Stekel hat eine berechtigte kritische Einschränkung durch Bemerkungen von R. Reitler
erfahren (1913 b). Es handelt sich im wesentlichen um Ersetzung der bedeutungsvollen Sekrete
wie des Samens durch ein indifferentes.
Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen genügen, um andere zu
sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen.[154] Eine weit ausführlichere Darstellung der
Traumsymbolik habe ich in meinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916/17)
versucht.
Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher Symbole in Träumen anfügen,
welche zeigen sollen, wie unmöglich es wird, zur Deutung des Traums zu gelangen, wenn man
sich der Traumsymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aber eine solche auch in vielen Fällen
aufdrängt. An derselben Stelle möchte ich aber nachdrücklich davor warnen, die Bedeutung der
Symbole für die Traumdeutung zu überschätzen, etwa die Arbeit der Traumübersetzung auf
Symbolübersetzung einzuschränken und die Technik der Verwertung von Einfällen des Träumers
aufzugeben. Die beiden Techniken der Traumdeutung müssen einander ergänzen; praktisch wie
theoretisch verbleibt aber der Vorrang dem zuerst beschriebenen Verfahren, das den Äußerungen
des Träumers die entscheidende Bedeutung beilegt, während die von uns vorgenommene
Symbolübersetzung als Hilfsmittel hinzutritt.
1
Der Hut als Symbol des Mannes
(des männlichen Genitales)
(Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungsangst agoraphobischen Frau)
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin