Seite - 583 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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»Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen Strohhut von eigentümlicher Form,
dessen Mittelstück nach oben aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen
(Beschreibung hier stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere. Ich bin heiter
und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich
mir: Ihr könnt mir alle nichts anhaben.«
Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein
männliches Genitale mit seinem emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden
Seitenteilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber man sagt ja auch:
»Unter die Haube kommen!« Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes Details über das
ungleiche Herabhängen der beiden Seitenteile, obwohl gerade solche Einzelheiten in ihrer
Determinierung der Deutung den Weg weisen müssen. Ich setze fort: Wenn sie also einen Mann
mit so prächtigem Genitale hat, braucht sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts
von ihnen zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre Versuchungsphantasien vom Gehen
ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese letztere Aufklärung ihrer Angst hatte ich ihr
schon zu wiederholten Malen, auf anderes Material gestützt, geben können.
Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach dieser Deutung benimmt. Sie zieht
die Beschreibung des Huts zurück und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach
abwärts hingen. Ich bin des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen, und beharre dabei.
Sie schweigt eine Weile und findet dann den Mut zu fragen, was es bedeute, daß bei ihrem
Manne ein Hoden tiefer stehe als der andere, und ob es bei allen Männern so sei. Damit war dies
sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt und die ganze Deutung von ihr akzeptiert.
Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin diesen Traum mitteilte. Aus
anderen, aber minder durchsichtigen Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein
weibliches Genitale stehen kann[155].
2
Das Kleine ist das Genitale –
das Überfahrenwerden ist ein Symbol des Geschlechtsverkehres
(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin)
Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein gehen muß. Sie fährt dann mit der
Mutter in der Eisenbahn und sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie
überfahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein unbehagliches Gefühl, aber
kein eigentliches Entsetzen). Dann sieht sie sich aus dem Waggonfenster um, ob man nicht hinten
die Teile sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine allein hat gehen lassen.
analyse: Die vollständige Deutung des Traumes ist hier nicht leicht zu geben. Er stammt aus
einem Zyklus von Träumen und kann nur im Zusammenhange mit diesen anderen voll verstanden
werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis der Symbolik benötigte Material genügend
isoliert zu bekommen. – Die Kranke findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu deuten ist,
als Anspielung auf eine Fahrt von einer Nervenheilanstalt weg, in deren Leiter sie natürlich
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin