Seite - 584 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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verliebt war. Die Mutter holte sie von dort ab, der Arzt erschien auf dem Bahnhof und
überreichte ihr einen Strauß Blumen zum Abschied; es war ihr unangenehm, daß die Mutter
Zeugin dieser Huldigung sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als Störerin ihrer
Liebesbestrebungen, welche Rolle der strengen Frau während ihrer Mädchenjahre wirklich
zugefallen war. – Der nächste Einfall bezieht sich auf den Satz: sie sieht sich um, ob man nicht
die Teile von hinten sieht. In der Traumfassade müßte man natürlich an die Teile des
überfahrenen und zermalmten Töchterchens denken. Der Einfall weist aber nach ganz anderer
Richtung. Sie erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer nackt von rückwärts gesehen,
kommt auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen und hebt hervor, daß man beim Manne die
Genitalien noch von rückwärts sehen könne, beim Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhange
deutet sie nun selbst, daß das Kleine das Genitale sei, ihre Kleine (sie hat eine vierjährige
Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht der Mutter den Vorwurf, daß sie verlangt hätte, sie solle
so leben, als ob sie kein Genitale hätte, und findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz des
Traumes wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine weg, damit sie allein gehen mußte. In ihrer
Phantasie bedeutet das Alleingehen auf der Straße keinen Mann, keine sexuelle Beziehung haben
(coire = zusammengehen), und das mag sie nicht. Nach allen ihren Angaben hat sie wirklich als
Mädchen unter der Eifersucht der Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten.
Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem anderen Traum derselben Nacht, in
dem sie sich mit ihrem Bruder identifiziert. Sie war wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft
hören, daß an ihr ein Bub verlorengegangen sei. Zu dieser Identifizierung mit dem Bruder wird es
dann besonders klar, daß das »Kleine« das Genitale bedeutet. Die Mutter droht ihm (ihr) mit der
Kastration, die nichts anderes als Bestrafung für das Spielen mit dem Gliede sein kann, und somit
zeigt die Identifizierung, daß sie selbst als Kind onaniert hat, was ihre Erinnerung bisher nur vom
Bruder bewahrt hatte. Eine Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr später verlorenging, muß
sie nach den Angaben dieses zweiten Traums damals früh erworben haben. Ferner deutet der
zweite Traum auf die infantile Sexualtheorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben
hervorgehen. Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, findet sie sofort eine
Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anekdote, daß der Bub das Mädel fragt: Abgeschnitten?
worauf das Mädel antwortet: Nein, immer so g’west.
Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales, im ersten Traum, bezieht sich also auch auf die
Kastrationsdrohung. Schließlich grollt sie der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat.
Daß das »Überfahrenwerden« sexuellen Verkehr symbolisiert, würde aus diesem Traume nicht
evident, wenn man es nicht aus zahlreichen anderen Quellen sicher wüßte.
3
Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen, Schachte
(Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes)
»Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß der Prater ist, denn man sieht die
Rotunde, vor dieser einen kleineren Vorbau, an dem ein Fesselballon angebracht ist, der aber
ziemlich schlaff scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das alles ist; er wundert sich darüber, erklärt
es ihm aber. Dann kommen sie in einen Hof, in dem eine große Platte von Blech ausgebreitet
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin