Seite - 589 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Träumer hatte sich nach dem Detail dieses nicht alltäglichen Vorkommnisses erkundigt und
erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer Eltern
gegangen war, wo zu geschlechtlichem Verkehr keine Gelegenheit gewesen wäre, und daß der
erregte Mann den Koitus auf der Stiege vollzogen hatte. Der Träumer hatte dazu in scherzhafter
Anspielung auf den boshaften Ausdruck für Weinfälscherei geäußert: das Kind sei wirklich ›auf
der Kellerstiege gewachsen‹.
Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im Trauminhalt vertreten sind und vom
Träumer ohne weiteres reproduziert werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes Stück
infantiler Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung gefunden hat. Das Stiegenhaus ist
das jenes Hauses, in welchem er den größten Teil seiner Kinderjahre verbracht und wo er
insbesondere die erste bewußte Bekanntschaft mit den Sexualproblemen gemacht hatte. In
diesem Stiegenhaus hatte er häufig gespielt und war dabei unter anderem auch rittlings längs des
Geländers hinuntergerutscht, wobei er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume eilt er nun
ebenfalls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch, daß er nach eigener deutlicher
Angabe die einzelnen Stufen gar nicht berührt, sondern, wie man zu sagen pflegt, ›hinunterfliegt‹
oder rutscht. Mit Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes den
Moment der sexuellen Erregung darzustellen. – In diesem Stiegenhaus und der dazugehörigen
Wohnung hatte der Träumer aber auch mit den Nachbarskindern häufig sexuelle Raufspiele
getrieben, wobei er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume geschieht.
Weiß man aus Freuds sexualsymbolischen Forschungen (1910 d), daß die Stiege und das
Stiegensteigen im Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird der Traum völlig
durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein Effekt, die Pollution, zeigt, rein libidinöser
Natur. Im Schlafzustand erwacht die sexuelle Erregung (im Traume dargestellt durch das
Hinuntereilen – rutschen – über die Stiege), deren sadistischer Einschlag auf Grund der
Raufspiele in der Verfolgung und Überwältigung des Kindes angedeutet ist. Die libidinöse
Erregung steigert sich und drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im Traume durch das Fassen
des Kindes und seine Beförderung in die Mitte der Stiege). Bis daher wäre der Traum rein
sexualsymbolisch und für den wenig geübten Traumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der
überstarken libidinösen Erregung genügt diese symbolische Befriedigung nicht, welche die Ruhe
des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum Orgasmus, und damit wird die ganze
Stiegensymbolik als Vertretung des Koitus entlarvt. – Wenn Freud als einen der Gründe für die
sexuelle Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen Charakter beider Aktionen
hervorhebt, so scheint dieser Traum besonders deutlich dafür zu sprechen, da nach ausdrücklicher
Angabe des Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das Auf- und Niederreiben, das im
ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte Element gewesen war. Noch eine Bemerkung über
die beiden Bilder, die, abgesehen von ihrer realen Bedeutung, auch in symbolischem Sinne als
›Weibsbilder‹ gelten, was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein großes und ein kleines
Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein großes (erwachsenes) und ein kleines Mädchen
vorkommen. Daß auch billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum Prostituiertenkomplex,
wie andererseits der Vorname des Träumers auf dem kleinen Bilde und der Gedanke, es sei ihm
zum Geburtstag bestimmt, auf den Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege geboren = im Koitus
erzeugt). Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben auf dem Treppenabsatze
im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, scheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in
die Kindheit zurückzuweisen und vermutlich lustvolle Szenen von Bettnässen zum Vorbild zu
haben.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin