Seite - 592 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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seiner populären Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine; sie bestätigte diese Annahme,
indem ihr zu ›Lilie‹ ›purity‹ (Reinheit) einfiel. ›Valley‹, das Tal, ist ein häufiges weibliches
Traumsymbol; so wird das zufällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen
Namen für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer kostbaren Jungfräulichkeit –
expensive flowers, one has to pay for them – verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß
der Mann ihren Wert zu würdigen wissen werde. Die Bemerkung expensive flowers etc. hat, wie
sich zeigen wird, bei jedem der drei Blumensymbole eine andere Bedeutung.
Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen ›violets‹ suchte ich mir – recht kühn, wie ich
meinte – mit einer unbewußten Beziehung zum französischen ›viol‹ zu erklären. Zu meiner
Überraschung assoziierte die Träumerin ›violate‹, das englische Wort für vergewaltigen. Die
zufällige große Wortähnlichkeit von violet und violate – in der englischen Aussprache
unterscheiden sie sich nur durch eine Akzentverschiedenheit der letzten Silbe – wird vom Traume
benutzt, um ›durch die Blume‹ den Gedanken an die Gewaltsamkeit der Defloration (auch dieses
Wort benutzt die Blumensymbolik), vielleicht auch einen masochistischen Zug des Mädchens
zum Ausdruck zu bringen. Ein schönes Beispiel für die Wortbrücken, über welche die Wege zum
Unbewußten führen. Das ›one has to pay for them‹ bedeutet hier das Leben, mit dem sie das
Weib- und Mutterwerden bezahlen muß.
Bei ›pinks‹, die sie dann ›carnations‹ nennt, fällt mir die Beziehung dieses Wortes zum
›Fleischlichen‹ auf. Ihr Einfall dazu lautete aber ›colour‹ (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations
die Blumen seien, welche ihr von ihrem Verlobten häufig und in großen Mengen geschenkt
werden. Zu Ende des Gespräches gesteht sie plötzlich spontan, sie habe mir nicht die Wahrheit
gesagt, es sei ihr nicht ›colour‹, sondern ›incarnation‹ (Fleischwerdung) eingefallen, welches
Wort ich erwartet hatte; übrigens ist auch ›colour‹ als Einfall nicht entlegen, sondern durch die
Bedeutung von carnation – Fleischfarbe, also durch den Komplex determiniert. Diese
Unaufrichtigkeit zeigt, daß der Widerstand an dieser Stelle am größten war, entsprechend dem
Umstand, daß die Symbolik hier am durchsichtigsten ist, der Kampf zwischen Libido und
Verdrängung bei diesem phallischen Thema am stärksten war. Die Bemerkung, daß diese
Blumen häufige Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppelbedeutung von carnation
ein weiterer Hinweis auf ihren phallischen Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des
Blumengeschenkes wird benutzt, um den Gedanken von sexuellem Geschenk und
Gegengeschenk auszudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit und erwartet dafür ein reiches
Liebesleben. Auch hier dürfte das ›expensive flowers, one has to pay for them‹ eine – wohl
wirkliche, finanzielle – Bedeutung haben. – Die Blumensymbolik des Traumes enthält also das
jungfräulich weibliche, das männliche Symbol und die Beziehung auf die gewaltsame
Defloration. Es sei darauf hingewiesen, daß die sexuelle Blumensymbolik, die ja auch sonst sehr
verbreitet ist, die menschlichen Sexualorgane durch die Blüten, die Sexualorgane der Pflanzen
symbolisiert; das Blumenschenken unter Liebenden hat vielleicht überhaupt diese unbewußte
Bedeutung.
Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl die Geburt eines Kindes. Sie
identifiziert sich mit dem Bräutigam, stellt ihn dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also
koitiert. Der latente Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht warten, sondern
die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt brauchen; darauf deutet ja auch das violate. So
kommt auch die sadistische Libidokomponente zum Ausdruck.
In einer tieferen Schicht des Traumes dürfte das ›I arrange etc.‹ eine autoerotische, also infantile
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin