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vier seidenen Tüchern gebunden.
Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft. Die seidenen Tücher entsprechen
einer Identifizierung mit einem ihm bekannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen
Koitus ausgeführt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr mit Männern gesucht
hat, stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem Vorbilde der ihm einst vertrauten Pubertätsonanie
vor.
Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen Zahnreiztraumes, z.
B. daß ein
anderer dem Träumer den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung
verständlich werden[163]. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der »Zahnreiz« zu dieser
Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Verlegung von unten nach oben
aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht und vermöge welcher in der Hysterie
allerlei Sensationen und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an
anderen einwandfreien Körperteilen realisiert werden können. Ein Fall von solcher Verlegung ist
es auch, wenn in der Symbolik des unbewußten Denkens die Genitalien durch das Angesicht
ersetzt werden. Der Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er »Hinterbacken« als Homologe der
Wangen anerkennt, »Schamlippen« neben den Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen.
Die Nase wird in zahlreichen Anspielungen dem Penis gleichgestellt, die Behaarung hier und dort
vervollständigt die Ähnlichkeit. Nur ein Gebilde steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung,
die Zähne, und gerade dies Zusammentreffen von Übereinstimmung und Abweichung macht die
Zähne für die Zwecke der Darstellung unter dem Drucke der Sexualverdrängung geeignet.
Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiztraums als Onanietraum, an deren
Berechtigung ich nicht zweifeln kann, voll durchsichtig geworden ist[164]. Ich gebe so viel, als ich
zur Erklärung weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen. Aber ich muß auch auf einen
anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren Landen
existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: sich einen ausreißen oder sich
einen herunterreißen[165]. Ich weiß nicht zu sagen, woher diese Redeweisen stammen, welche
Verbildlichung ihnen zugrunde liegt, aber zur ersteren von den beiden würde sich der »Zahn«
sehr gut fügen.
Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volksglauben auf den Tod eines
Angehörigen gedeutet werden, die Psychoanalyse ihnen aber solche Bedeutung höchstens im
oben angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen kann, schalte ich hier einen von Otto Rank zur
Verfügung gestellten »Zahnreiztraum« ein:
»Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen, der sich seit einiger Zeit für die
Probleme der Traumdeutung lebhafter zu interessieren beginnt, der folgende Bericht
zugekommen:
›Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen rückwärtigen Zahn des Unterkiefers
ausbohrt. Er arbeitet so lange herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt er ihn
mit der Zange und zieht ihn mit einer spielenden Leichtigkeit heraus, die mich in Verwunderung
setzt. Er sagt, ich solle mir nichts daraus machen, denn das sei gar nicht der eigentlich
behandelte Zahn, und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn (wie mir nun scheint, ein oberer
Schneidezahn) in mehrere Schichten zerfällt. Ich erhebe mich vom Operationsstuhl, trete
neugierig näher und stelle interessiert eine medizinische Frage. Der Arzt erklärt mir, während er
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin